Big Business im Morgengrauen
Für uns Konsumenten sind Märkte Orte, wo nicht nur Frischware gekauft, sondern auch flaniert, spaziert, geplaudert und hin und wieder auch ein wenig gehandelt wird. So bunt und vielseitig das Angebot am Großmarkt Wien naturgemäß ist, eine typische Marktatmosphäre, wie sie beispielsweise am Naschmarkt zu finden ist, sucht man jedoch vergebens. Die Faszination des Großmarktes erschließt sich einem nicht durch die Örtlichkeit, sondern durch die logistischen Meisterleistungen der Produzenten, Importeure sowie Groß- und Einzelhändler. Ermöglicht wird dies durch tausende Lkws und Pkws, die mit ihren täglichen Lieferungen sechs Tage in der Woche den Frischwarengroßmarkt zu Österreichs bedeutendsten Warenumschlagplatz machen. Die jährliche Verkaufsleistung liegt bei rund 300.000 Tonnen Lebensmitteln, 700 Tonnen Fleisch, 100.000 Tonnen Fertigprodukten und Fisch und über 150 Millionen Blumen. In Prozent ausgedrückt heißt dies, dass am Großmarkt Wien 70 % des österreichweiten Gesamtumschlages an Obst und Gemüse sowie 50 % des Umschlages an Blumen erfolgen. Alexander Hengl, Sprecher der für den Großmarkt Wien zuständigen MA 59: „Bei Obst und Gemüse schlagen die Händler am Großmarkt pro Jahr rund 200.000 Tonnen um."
Wirtschaftsfaktor Großmarkt.
Auf dem 30 Hektar großen Marktgelände ermöglichen individuelle, den unterschiedlichen Bedürfnissen entsprechende Infrastrukturen ein effizientes Handelsgeschehen. Teils von der Gemeinde, teils von Selbstinvestoren errichtete Hallen- und Standbauten in unterschiedlichen Größen bieten rund 65.000 Quadratmeter Fläche, die derzeit von 110 Importeuren und Großhändlern langfristig angemietet sind. Eine Besonderheit stellen die Freiflächen am Großmarkt für Produzenten und Großhändler dar: Auf über 8.000 Quadratmetern nutzen rund 60 Unternehmen die Möglichkeit, vorwiegend Obst und Gemüse aus regionaler Herkunft zu vermarkten. Hengl: „Auf diesen sogenannten Landparteiplätzen werden vorwiegend saisonale Produkte vermarktet." Eine Zollzweigstelle mit Zollamtsplatz sowie ein Verwaltungszentrum, welches Geschäftslokale und Büros von Handelsfirmen, Agenturen und Speditionen beherbergt, komplettieren das Dienstleistungs- und Serviceangebot des Wiener Großmarktes. 2.500 Lkws und 1.000 Kleinlaster sorgen dabei für den Warentransport zum und vom Großmarkt Wien. Ein Bahngleis gibt es zwar noch, doch dieses ist seit Jahren stillgelegt. Hengl dazu: „Der Warentransport mit der Bahn ist für die Großhändler nicht mehr rentabel."
Aus der Not eine Tugend gemacht.
Fehlende Kapazitäten und Infrastrukturen bei den innerstädtisch gelegenen Warenumschlagplätzen führten in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts zum Beschluss der Stadt Wien, im Süden der Stadt einen Großmarkt zu errichten, der außer ausreichend Fläche auch eine optimale Verkehrsinfrastruktur bietet. Als Erstes öffnete 1969 der Blumengroßmarkt seine Handelspforten, Ende 1972 folgte der Großmarkt für Obst und Gemüse. Mit der Eröffnung der Fleischgroßhalle „f-eins" im Jahr 2007 werden auf dem Obst- und Gemüsegroßmarkt nun auch jährlich etwa 700 Tonnen Frischfleisch angeliefert und für den Großhandel weiterverarbeitet. Die Veränderungen im Lebensmittelhandel sind aber auch auf dem Großmarkt Wien zu bemerken. Längst ist er nicht mehr die einzige Verteilstation für Obst und Gemüse in Ostösterreich. Der Siegeszug der Handelsketten verändert auch die Logistik im Obst- und Gemüsehandel. Gerald König, Geschäftsführer der LGV-Frischgemüse Wien reg. Gen.m.b.H., des größten Gemüseerzeugers Österreichs: „Die Handelsketten kaufen direkt bei uns und werden auch von uns direkt beliefert. Am Großmarkt bedienen wir hauptsächlich die Gastronomie und eine immer kleiner werdende Zahl von Einzelhändlern." Und auch bei der Gastronomie sieht König die Zukunft bei Direktlieferungen. „Wirklich frischeste Ware nimmt heute nicht mehr den Umweg über den Großmarkt, sondern geht direkt zu den Top-Restaurants." Eines spricht aber nach wie vor für den Großmarkt Wien: Hier wird die angebotene Ware von den Mitarbeitern des Marktamtes laufend auf Hygiene kontrolliert, und es gelten dieselben strengen Regeln wie auf den Wiener Einzelmärkten. Alexander Hengl nennt stolz ein Beispiel: „Im Gegensatz zu Tirol gibt es daher in Wien etwa bei Maroni so gut wie keine Qualitätsbeanstandungen, da die Ware fast ausschließlich über den Großmarkt aus kontrolliertem Angebot bezogen wird."
Standbauten:
Hallenbauten von Selbstinvestoren im Ausmaß von mehr als 45.000 Quadratmetern, 4 gemeindeeigene Standbauten mit 32 Einheiten zu je 220 Quadratmetern sowie weitere 18 gemeindeeigene Standgruppen mit 210 Einheiten zu je 60 Quadratmetern.
Fläche insgesamt: Das gesamte Areal des Großmarkts Wiens umfasst eine Fläche von 300.000 Quadratmetern.
Freiflächen:
zwei Freiflächen für Produzenten und Großhändler im Gesamtausmaß von 8.000 Quadratmetern.
Fleischgroßmarkt: Die 2007 fertiggestellte Markthalle „f-eins" bietet 7.000 Quadratmeter Fläche.
Blumengroßmarkt: 10.000 Quadratmeter Hallenfläche mit zwei Ladehallen für wetterunabhängige Ladetätigkeit der heiklen Ware.
Marktzeiten:
- Blumenhalle und Freifläche: Mo.-Sa. von 4.30 bis 9.00 Uhr, wobei privaten Einkäufern
erst ab 7.00 Uhr Zutritt in die Blumenhalle gewährt wird.
- Sonstige Marktstände: Mo.-Fr. von 4.30 bis 15.00 Uhr, Sa. von 4.30 bis 12.00 Uhr.
Lage: Wien 23, Laxenburger Straße 365, Verkehrsanbindung über A1, A2, A4 über S1 - Ausfahrt Laxenburger Straße, Großgrünmarkt Richtung Zentrum, bzw. A23 - Ausfahrt Inzersdorf.
Text: CHRISTIAN NEUHOLD
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