KSV1870 Pressekonferenz zur Insolvenzstatistik I. Halbjahr 2010
Unternehmensinsolvenzen
Der erste Ansturm wurde abgewehrt, der von vielen befürchtete Insolvenz-Tsunami ist ausgeblieben. Hans-Georg Kantner, Insolvenzexperte des KSV1870: "Die Krise ist für Österreichs Wirtschaft weit glimpflicher verlaufen, als in anderen europäischen Ländern. Das liegt daran, dass wir ein sehr wohlhabendes Land sind, aber auch an der raschen und beherzten Reaktion der Politik. Jedoch ist der Zenit noch nicht überschritten. Der erste Ansturm ist bewältigt, aber eine zweite Welle an Insolvenzen wird nicht vermeidbar sein. Sie kommt wohl erst, wenn der Aufschwung sich verstärkt hat und die Zinsen angehoben werden."
Im Jahr 2009 war vor allem das erste Halbjahr von einem intensiven Zuwachs an Insolvenzen geprägt - es waren aber praktisch ausnahmslos Unternehmen, deren Zusammenbruch nichts oder nur wenig mit der Krise zu tun hatte. Es waren vorwiegend jene betroffen, die bereits zu hohe Schulden mit sich geschleppt hatten oder schon vor dem Jahr 2008 Verluste geschrieben hatten.
En gros - en detail:
Im ersten Halbjahr wurden hochgerechnet 8,2 % weniger Insolvenzen eröffnet. Die davon betroffenen Arbeitsplätze sind sogar um rund 27 % zurückgegangen. Die von diesen Verfahren betroffenen Verbindlichkeiten sind gleichfalls mit ca. 20 % deutlich gesunken. Auch die mangels Masse abgewiesenen Konkursanträge waren rückläufig, sodass insgesamt die Firmenpleiten im ersten Halbjahr 2010 um 7,5 % unter dem Wert des Jahres 2009 liegen.
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Unternehmensinsolvenzen I. Halbjahr 2010 (Hochrechnung) |
2010 | 2009 | Veränderung | |
| Eröffnete Insolvenzen | 1.747 | 1.904 | - | 8,2 % |
| davon bereinigte gerichtliche Ausgleiche | 16 | 21 | - | 23,8 % |
| davon Konkurse und Anschlusskonkurse | 1.731 | 1.883 | - | 8,1 % |
| Mangels Masse abgewiesene Konkursanträge | 1.465 | 1.567 | - | 6,5 % |
| Gesamtinsolvenzen | 3.212 | 3.471 | - | 7,5 % |
| Geschätzte Insolvenzverbindlichkeiten in EUR | 1,6 Mrd. | 2,0 Mrd. | - | 20,0% |
Prognose ist nicht zu halten:
Prognosen, die die Zukunft betreffen, bergen ja bekanntlich ein Risikopotenzial. Im Angesicht der europäischen Entwicklung, schleppend anlaufender Wirtschaftsdaten und heraufdämmernder Schuldenkrisen mancher europäischer Länder erschien Ende 2009 ein unmittelbar bevorstehender Rückgang der Insolvenzzahlen undenkbar und unbegründbar. Im Gegenteil: Die Zuwachszahlen anderer europäischer Länder im zweistelligen Bereich ließen auch für Österreich eine etwas heftige Entwicklung für 2010 erwarten.
Nun, selten musste eine Prognose mit soviel innerer Überzeugung und Gelassenheit revidiert werden, wie die Vorhersage eines weiteren Anstiegs der Insolvenzen im Jahr 2010 - es ist tatsächlich das erste Halbjahr der Falsifikator dieser Prognose. Aus der Perspektive der Jahresmitte 2010 lässt sich also ein weiterer Zuwachs, gar einer im Ausmaß um oder über 10 %, nicht aufrecht erhalten. Es wird vielmehr das Jahr 2010 etwas unter dem Niveau von 2009 zu liegen kommen, selbst wenn der Herbst noch eine Zunahme an Fällen mit sich bringt - was regelmäßig der Fall ist.
Der Zenit ist allerdings voraussichtlich (noch) nicht durchschritten - eine nachhaltige Trendwende und damit Entwarnung können beileibe nicht gegeben werden. Niedrige Zinsen und eine durchaus spürbare Bereitschaft der Geschäftsbanken, ihren langjährigen Kunden liquiditätsmäßig Hilfestellung zu geben, sind wesentliche Co-Faktoren dieser zuletzt erfreulichen Entwicklung. Sobald nach dem Anspringen der Konjunktur das Geld knapper und damit teurer wird, muss die Wirtschaft in den regelmäßig harten Wettbewerb mit der öffentlichen Hand als Kreditnehmer treten und bereit sein, höhere Zinsen zu bezahlen als diese. Weitere Insolvenzen sind dann gewissermaßen programmiert.
Privatkonkurse
Insgesamt wurden in Österreich im ersten Halbjahr 2010 über 4.616 Personen Privatkonkursverfahren eröffnet. Das entspricht einem Gesamtzuwachs von weniger als einem Prozent (0,6 %) und stellt praktisch eine Stagnation dar. Ob auf hohem oder niedrigem Niveau hängt gänzlich von der gewählten Perspektive ab.
Die von diesen 4.616 Konkursverfahren betroffenen Verbindlichkeiten gingen um 1,4 % auf EUR 545 Millionen zurück, sodass die durchschnittlichen pro Kopf-Schulden ca. EUR 118.000,- betrugen. Darin sind allerdings auch Verbindlichkeiten ehemaliger Unternehmer, die diese aus der Rechtsform (z. B. Einzelunternehmen oder Offene Gesellschaft) bzw. aus Haftungen zu tragen haben - die Durchschnittsschulden der „echten Privaten" belaufen sich auf ca. EUR 55.000,-.
Im 15. Jahr seiner Existenz zeigt der Privatkonkurs in Österreich, dass er als Schuldenregulierungsinstrument unverzichtbar geworden ist. Die Zuwächse der Vergangenheit von zeitweilig 30 % können derzeit nicht beobachtet werden - in 5 von 9 Bundesländern gingen die Zahlen sogar im ersten Halbjahr gegenüber dem Vergleichszeitraum 2009 zurück.
Außenstand und Bundesland
Die Privatkonkurse haben sich in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich entwickelt: Das ist zwar kein ganz neues Phänomen, allerdings ist dies das erste Mal in der Geschichte des Privatkonkurses, dass es Rückgänge in mehr als der Hälfte aller Bundesländer gab.
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Privatkonkurse I. Halbjahr 2010 (Hochrechnung) |
2010 | 2009 | Veränderung | |
| Eröffnete Schuldenregulierungsverfahren | 4.616 | 4.590 | + | 0,6 % |
| Geschätzte Insolvenzverbindlichkeiten | 545 Mio. | 553 Mio. | - | 1,4 % |
Der neue Rechtsrahmen für Privatkredite
Am 11.6.2010 wurde die Richtlinie der EU zum Verbraucherkredit in Österreich umgesetzt, und zwar durch das Darlehens- und KreditrechtsänderungsG (DaKräG). Dabei wurden Bestimmungen des ABGB novelliert, die den Kreditvertrag allgemein betreffen und damit die nicht mehr ganz zeitgemäßen gesetzlichen Bestimmungen zum Gelddarlehen ergänzen. Der Hauptteil der Novelle bestand jedoch in der Schaffung eines eigenen VerbraucherkreditG (VKrG), das in sehr ausführlicher Weise die Rechte und Pflichten beider Vertragsparteien unter dem Gesichtspunkt des Verbraucherschutzes und der verantwortungsvollen Kreditvergabe regelt.
Tatsächlich sind Gelddarlehen, die von Kreditinstituten gewährt wurde, im Verbund mit anderen Finanzierungen (z. B. Kfz-Leasing) der Hauptteil der Verbindlichkeiten insolventer Privatpersonen. Die Bestimmungen des § 7 VKrG verpflichten den Kreditgeber zu einer Bonitätsprüfung die - falls erforderlich - auch die Einschau in eine Bonitätsdatenbank umfasst. Kommen dem Kreditgeber im Zuge der Bonitätsprüfung erhebliche Bedenken, ob der Kreditnehmer seine Verpflichtung wird erfüllen können, so ist er verpflichtet, den Kreditnehmer darauf hinzuweisen. Es darf erwartet werden, dass Kreditgeber in einer solchen Situation auf (weitere) Sicherheiten bestehen werden, wie z. B. die Bürgschaft einer zahlungsfähigen Person.
Ausblick auf 2010
Die zu Jahresende gestellte Prognose, dass die Privatkonkurse mit etwa 10 % gegenüber 2009 anwachsen würden, erscheint unter den gegebenen Umständen als etwas zu hoch gegriffen. Das Wachstum ist derzeit gedämpft, aber regional immer noch vorhanden. Es ist in der Folge auch einzubeziehen, dass die Situation am Arbeitsmarkt eine nicht unwesentliche Rolle spielt: Zahlungsunfähige Personen gäbe es genug, aber ohne regelmäßiges Einkommen und damit die realistische Aussicht auf Schuldbefreiung durch das Verfahren wollen viele Schuldner den Konkurs gar nicht erst beantragen.
Der KSV1870 revidiert daher seine Prognose auf ca. 5 % gegenüber dem Wert von 2009 (9.007), das wären dann etwa 9.460 Schuldenregulierungsverfahren im Jahr 2010.
Die Detailzahlen sowie die ausführlichen Kommentare zu den Unternehmens- und Privatkonkursauswertungen finden Sie im untenstehenden Download.
Für den Inhalt verantwortlich:
Dr. Hans-Georg Kantner, Leiter KSV1870 Insolvenz
Wien, 24.06.2010
Rückfragenhinweis:
Karin Stirner
Leiterin KSV Unternehmenskommunikation
Telefon: 050 1870-8226, e-Mail: stirner.karin@ksv.at
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