Banking-Revolution: Die Digitalisierung hebt ab

Die Banken müssen sich neu aufstellen. Durch Fintechs, aber auch die neue Datenschutzverordnung der EU wird das Geschäftsmodell auf die Probe gestellt. Gewinner ist der Kunde, der mit mehr digitalen Services rechnen darf.

Er wog 500 Kilogramm und hatte eine Breite von vier Metern, eine Höhe von 2,5 Metern und eine Tiefe von 50 Zentimetern. Das „Mailüfterl“ war der erste vollständig mit Transistoren arbeitende Computer und wurde von Heinz Zemanek 1955 an der TU Wien entwickelt. Kein Mensch dachte damals daran, dass solche monströsen Dinger die Welt verändern werden. Doch heute hat selbst ein Handy mehr Rechenleistung als jene Supercomputer, mit denen 1969 die Mondlandung berechnet wurde. Heute sind wir ständig online und jederzeit erreichbar. Die Digitalisierung unseres Alltags macht es möglich, aber gleichzeitig macht sie auch nicht halt. Besonders die Finanzbranche ist einem großen Umbruch unterworfen. Neue Banking-Anbieter wie N26 oder auch das finnische Start-up Holvi mischen die Bankenlandschaft auf. 2018 bricht zudem eine neue Ära im Finanzsektor an, denn dann tritt die EU-Richtlinie PSD2 (Payment Service Directive 2) in Kraft, die Banken verpflichtet, Kontodaten über Schnittstellen auch anderen Anbietern von Serviceleistungen zu übermitteln, wenn die Kunden das wünschen. Die EU will es dadurch innovativen Fintechs leichter machen, ihre Dienstleistungen am Markt anzubieten. Doch wie wichtig ist den Kunden die Digitalisierung ihrer Finanzgeschäfte, und sind die heimischen Banken dafür überhaupt gerüstet?
 
Digitalisierter Österreicher. Die aktuelle Studie „Global Retail Banking 2017“ der Boston Consulting Group (BCG), bei der 42.000 Privatkunden in 16 Ländern befragt wurden, ergab, dass heimische Bankkunden zu den „digitalsten“ zählen. So erledigen nur noch 11 % der Kunden ihre Bankgeschäfte ausschließlich in der Filiale. In anderen Ländern ist dieser Anteil höher. In Deutschland, Frankreich und Kanada liegt er bei 13 %, in Großbritannien bei 14 %, in den USA bei 16 %, in Italien bei 20 % und in Japan sogar bei 38 %. Bereits 51 % der Kunden in Österreich wickeln ihre Bankgeschäfte vorwiegend digital ab. Bei den restlichen 38 % handelt es sich um sogenannte Hybridkunden. Sie nutzen sowohl die Filialen als auch die digitalen Kanäle. Für eine Überraschung sorgte ein anderes Ergebnis der Studie: Für die Österreicher ist bei der Abwicklung von Bankgeschäften besonders der Preis wichtig. 23 % der Bankkunden im Neugeschäft orientieren sich ausschließlich an den Konditionen. Das ist nach Italien (27 %) der höchste Wert unter den 16 Ländern. In Frankreich spielen die Konditionen nur bei 13 % der Bankkunden eine wichtige Rolle, in den USA sind es 12 %. Georg Kraft-Kinz, Generaldirektor-Stellvertreter Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien: „Finanztransaktionen müssen in Zukunft zu 100 % digital und vom Smartphone aus durchführbar sein. Ich bin jedoch überzeugt, dass der persönliche Produktabschluss in den nächsten Jahren nicht komplett durch einen Webshop abgelöst werden kann. Dieser kann Beratung einfach nicht in der Qualität bieten, wie dies ein Mitarbeiter im persönlichen Gespräch zu tun vermag.“
 
Noch nicht ausreichend gerüstet. Trotz der neuen Herausforderungen und des aufkeimenden Wettbewerbs sind die heimischen Unternehmen aber grundsätzlich noch zu wenig für die Digitalisierung gerüstet. Die aktuelle Studie „Digitale Agenda 2020“ von DXC Technology, einem der weltweit führenden unabhängigen End-to-End-IT-Dienstleister, zeigt, dass 30 % der befragten heimischen Manager der Meinung sind, dass der Wettbewerb sich aufgrund der Digitalisierung zwar beschleunigt habe, aber die Konkurrenzlandschaft sich kaum verändert habe. Aber 59 % der heimischen Manager haben noch keine digitale Agenda, und 20 % planen auch keine. Dietmar Kotras, Generalmanager von DXC Technology Österreich: „Gerade der Bankensektor steht vor einer echten Revolution. Wer sich heute nicht für die digitale Zukunft rüstet, den wird es in Zukunft nicht mehr geben.“
 
Einfallstor für die Fintechs. Mit Inkrafttreten der neuen Zahlungsrichtlinie PSD2 wird für die Fintechs ein neues Einfallstor in die Bankenlandschaft geöffnet. Nachdem diese nun auch auf die Kundendaten der Bankkunden zurückgreifen können, wird vieles möglich. Peter Bosek, Vertriebsvorstand der Erste Group: „Diese wird noch von vielen unterschätzt und wird einen wesentlichen Einfluss auf die Geschäftsmodelle der Banken haben.“ Laut der deutschen Unternehmensberatungsgesellschaft Roland Berger werden mehr als eine Milliarde Konten in Europa von der neuen Regelung betroffen sein. Die Banken müssen aufpassen, dass sie nicht zu reinen Zahlungsabwicklern „verkommen“ und viele neue Dienstleistungen von neuen Mitbewerbern übernommen werden. „Zum Beispiel können dann über Metaplattformen viele Kundenkonten verwaltet werden, aus Rechnungsverwaltungsplattformen wie fastbill Zahlungsaufträge erteilt werden, oder Roboter werden auch die Kundenberatung auf Basis von Kundendaten übernehmen. Aber was durch Blockchain noch alles möglich werden wird, ist heute nicht abzusehen“, so Kotras. Doch schon in allen Finanzbereichen sind Fintechs unterwegs. Das reicht von traditionellen Bankdienstleistungen über Bonitätsprüfungen und optimierte Anlageberatung bis hin zum Versicherungsgeschäft.
 
Kooperation statt Kampf. Dass die kleinen Player in vielen Bereichen einiges besser machen als traditionelle Großbanken, haben auch diese erkannt. Bekämpfte man sich früher, so versuchen viele heimische Großbanken, diese nun verstärkt in ihr eigenes Geschäft einzubinden. Georg Kraft-Kinz: „Fintechs haben mit den Banken eine traditionelle Branche entdeckt, aus der sie Teile der Wertschöpfungskette herausnehmen und vereinfachen. Fintechs sind keine Gegner, ganz im Gegenteil. Es sind potenzielle Partner. Wir stehen Kooperationen mit Fintechs grundsätzlich offen gegenüber und können dabei als Raiffeisen-Bankengruppe Niederösterreich-Wien 1,2 Millionen Kunden sowie das Angebot und die Sicherheit eines sehr großen Marktplayers einbringen. Die große Herausforderung besteht allerdings dann darin, neue digitale Lösungen mit dem komplexen Kernbankensystem zu verbinden.“ Auch bei der UniCredit arbeitet man eng mit Start-ups an der Entwicklung des digitalen Bankings zusammen. Christian Noisternig, Bereichsvorstand Privatkunden, Geschäftskunden und Freie Berufe in der UniCredit Bank Austria: „Zum Beispiel haben wir die ‚Fotoüberweisung‘ in unserer MobileBanking-App, mit der man für Überweisungen nur mehr Rechnungen oder Zahlscheine mit dem Smartphone fotografieren muss, ohne IBANs lästig einzutippen, gemeinsam mit dem deutschen Start-up Gini GmbH entwickelt. Dabei wird die Überweisung auf dem Wege von künstlicher Intelligenz komplettiert, und man muss diese nur noch mit der Eingabe einer TAN abschließen.“
 
Gewinner ist der Kunde. Trotz der vielen Veränderungen, die auf die Banken zukommen, werden sie auch nicht aussterben. Grund: Die typische Geschichte der Disruption ist bisher selten eingetreten. Viele Fintechs unterschätzen nämlich, wie teuer es ist, überhaupt Kunden zu gewinnen. Genau diese Kundenschar, die die Banken bereits haben, könnten die klassischen Banken daher zu Geld machen. Letztlich werden aber nicht die Firmen über die Zukunft der Branche entscheiden, sondern die Kunden.

Text: Stephan Scoppetta

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