Insolvenzentwicklung Unternehmen und Private 2010

Insolvenzstatistik Unternehmen 2010

Das Jahr 2010 brachte generell an der Unternehmensfront eine Reihe von Entspannungen. Die Maßnahmen zur Stärkung und Stabilisierung der Wirtschaft haben schon 2009 zu greifen begonnen. Der Aufschwung beinhaltet zudem auch ein Maß an Nachholbedarf von Bestellungen, die 2009 nicht getätigt wurden. 2011 wird ein spannendes Jahr werden.

In Österreich wurden im Jahr 2010 insgesamt 6.376 Unternehmen insolvent, was einem Rückgang gegenüber 2009 von fast 8 % entspricht. In 3.522 Fällen wurde ein Insolvenzverfahren eröffnet (= minus von rd. 6 % gegenüber 2009) und in nur 2.854 Fällen konnte mangels Vermögens das Insolvenzverfahren nicht eröffnet werden. Das ist ein Rückgang von immerhin knapp 10 % gegenüber 2009. Dies ist doppelt erfreulich, da es zu einer weiteren Verschiebung hin zu eröffneten Insolvenzverfahren und weg von den mangels Masse nicht eröffneten Konkursen gegeben hat.

Von den Insolvenzverfahren waren im Jahr 2010 insgesamt 24.000 Dienstnehmer betroffen - das stellt einen Rückgang von fast 15 % dar. Die Insolvenzverbindlichkeiten allerdings gingen um rund 18 % auf insgesamt EUR 4,7 Milliarden in die Höhe. Dies ist nicht zuletzt auf drei Großinsolvenzen aus dem A-TEC Konzern zurückzuführen, die zusammen ca. EUR 1,2 Milliarden an Passiva repräsentieren.

Unternehmeninsolvenzen 2010

2010 2009 Veränderung
Eröffnete Insolvenzen 3.522 3.741 - 5,9 %
Nicht eröffnete Insolvenzverfahren(mangels kostendeckenden Vermögens) 2.854 3.161 - 9,7 %
Gesamtinsolvenzen 6.376 6.902 - 7,6 %
Geschätzte Insolvenzverbindlichkeiten in EUR 4,7 Mrd. 4,0 Mrd. + 17,5 %

Das neue Insolvenzrecht
Mit 1.7.2010 trat das „neue Insolvenzrecht" in Kraft. Dieses kennt nur mehr ein einheitliches Verfahren, das sowohl der Unternehmenssanierung als auch der Liquidation bzw. Schuldenregulierung dienen kann. Besonderes Interesse gilt in diesem Zusammenhang den Fragen, ob dieses Verfahren von der Praxis angenommen wird und welche Effekte es in der Sanierungspraxis hat.

Zu diesem Zweck haben wir mehrere Analysen vorgenommen, die sich diesen Fragen widmen:

Wird das Verfahren von der Praxis angenommen?
Die Auswertung der Eröffnungen seit dem 1. Juli 2010 zeigt, dass sowohl das Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung eine wichtige Rolle spielt, als auch das Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung. Es wurden seit dem 1.7.2010 insgesamt 371 Sanierungsverfahren eröffnet, wovon 144 mit Eigenverwaltung und 227 ohne Eigenverwaltung ausgestaltet waren.

Diese 144 eigenverwalteten Sanierungsverfahren zogen in 39 Fällen den Entzug der Eigenverwaltung nach sich, was dann in weiterer Folge entweder zu einem Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung oder zu einem Konkursverfahren führen kann.

Die hier genannten Zahlen (Details der Bundesländer siehe Statistikblatt) belegen anschaulich, dass
• es ein Ost-Westgefälle dieser Verfahren gibt, also mehr im Osten als im Westen, dass aber
• mittlerweile in jedem Bundesland zumindest ein solches Verfahren eröffnet wurde und
• die Gesamtzahl auf das Jahr hochgerechnet die Vermutung stützt, dass durch dieses Verfahren die Initiative der Schuldnerunternehmen erfolgreich gestützt und gefordert wird.

Die Praxis hält also dieses Verfahren für tauglich und sinnvoll. Tatsächlich ist in seinem Rahmen mit einer Mindestquote von 30 % eine geringere Hürde zu nehmen als seinerzeit im Ausgleich (Mindestquote 40 %). Durch die deutlich höhere Zahl an Fällen ist es aber durchaus wahrscheinlich, dass Gläubiger letztlich die bessere Befriedigung erlangen.

Ausblick auf 2011
2009 verzeichnete Österreich deutlich geringere Zuwachsraten als andere vergleichbare OECD Länder, vor allem in Westeuropa. Das konnte die Erwartung stützen, dass es in Österreich 2010 noch einen kleinen Nachzieheffekt geben würde. Ein solcher ist nicht eingetreten, vielmehr sind 2010 die Insolvenzzahlen spürbar wieder zurückgegangen.

Allerdings darf diese Entwicklung nicht zum Schluss verleiten, dass das jetzt schon eine nachhaltige Trendwende darstellen würde. Mit insgesamt ca. 6.380 Insolvenzfällen pro Jahr liegt Österreich, gemessen an der Zahl der aktiven Unternehmen, auf einem verhältnismäßig hohen Niveau. Es war 2010 daher ein Rückgang von einem bereits sehr hohen Wert.

Insolvenzstatistik Private 2010

Die Analyse der Privatkonkurse im Jahr 2010 zeigt, dass mit insgesamt 9.028 eröffneten Fällen nur 0,2 Prozent mehr Schuldenregulierungen stattfanden als 2009. Die magische 10.000er-Marke ist offenbar nicht so leicht zu durchstoßen.

Die Schulden der Privaten nahmen dabei allerdings um über 9 % zu, sodass insgesamt
EUR 1,2 Milliarden zur Regulierung anstanden, was einer Durchschnittsverschuldung pro Fall von EUR 133.000,- entspricht. Dabei ist zu beachten, dass sich nur ein Teil der Schuldner als Verbraucher verschuldet hat. Ein nicht unwesentlicher Teil von etwa 34 % war ehemals selbstständig und hat seine Verbindlichkeiten im Rahmen eines Unternehmens angehäuft. Teilt man diese Personengruppen, so zeigt sich, dass die wirklichen Privaten mit durchschnittlich EUR 53.000,- verschuldet sind, wogegen die ehemaligen Unternehmer Schulden in Höhe von durchschnittlich ca. EUR 285.000,- haben. Immer mitzubedenken ist, dass Schulden vor einem Insolvenzverfahren durch Zinsen und Gerichtskosten in die Höhe gehen.

Privatkonkurse 2010

2010 2009 Veränderung
Eröffnete Schuldenregulierungsverfahren 9.028 9.007 + 0,2 %
Geschätzte Insolvenzverbindlichkeiten 1.223 Mio. 1.120 Mio + 9,2 %

Privatkonkurs: kein Honiglecken
Der österreichische Privatkonkurs mit 5 - 7 Jahren Entschuldungsdauer kraft gesetzlicher Anordnung zählt innerhalb Europas zweifellos zu den längeren Verfahren zur Entschuldung von Nichtunternehmern. Durch diese verhältnismäßig lange Dauer allerdings ist aus Sicht des Gläubigerschutzes gewährleistet, dass diese Verfahren von den Schuldnern keineswegs leichtfertig in Gang gesetzt werden. Im Gegenteil: Manchmal wäre es für die Befriedigung und vor allem Gleichbehandlung der Gläubiger von immensem Vorteil, wenn der Schuldner selbst früher ein Regulierungsverfahren in Gang gesetzt hätte.

Novelle des Entschuldungsrechtes
Die Rechtsmaterie kommt nicht zur Ruhe. Seit 2007 tagt - mit Unterbrechungen - die Reformkommission im Justizministerium und bespricht dort verschiedene Forderungen und Wünsche der Sozialpolitik. Diese Wünsche stehen insgesamt unter dem Titel „Senkung der Schuldenprobleme bei den Privaten" und sie betreffen eine Reihe von Maßnahmen, die einerseits ein Anwachsen der Schulden hintanhalten sollen, andererseits schon eingetretene Geld- bzw. Schuldenprobleme rascher und besser wieder beseitigen sollen.

Privatkonkurs in ebenfalls neuem Gewande?
Über die Bestrebungen, das Entschuldungsrecht zu novellieren, berichtete der KSV1870 immer wieder. Mit einem Begutachtungsentwurf seitens des BMJ ist in den nächsten Monaten zu rechnen, da im Zuge der Novellierung des Unternehmensinsolvenzrechts (IRÄG2010) eine Punktation auf Ministerebene verfasst wurde, die auch die Flexibilisierung und Erleichterung der Schuldenregulierung zum Gegenstand hat. Sobald dieser Entwurf vorliegt, wird der KSV1870 als Gläubigerorganisation entsprechend reagieren, die Öffentlichkeit informieren und auch Stellung beziehen.

Vorschau 2011
Die Privatschulden sind in den letzten Jahren zweifellos langsamer angewachsen, niedrige Zinsen kommen auch den Privaten zugute, weshalb 2010 und voraussichtlich auch 2011 die Zahl der insolvent werdenden Personen eher geringer ausfallen wird als in der Vergangenheit. Allerdings dürfen die Effekte der neuerlichen Sparpakete zur Budgetsanierung nicht ignoriert werden, da sie teilweise auch Transferzahlungen kürzt oder streicht.

Die ausführlichen Insolvenzkommentare sowie die Detailzahlen finden Sie im untenstehenden Download zur Verfügung gestellt.

Für den Inhalt verantwortlich:
Dr. Hans-Georg Kantner, Leiter KSV1870 Insolvenz

Wien, 05.01.2011

1327051573542_KSV1870_Insolvenzstatistik_Unternehmen-Private_Jahr2010.pdf