Führungswechsel im KSV1870

Mag. Ricardo-José Vybiral, MBA, hat das Ruder bei Österreichs führendem Gläubigerschutzverband übernommen – die Zeichen stehen auf Veränderung.

 
 
 

forum.ksv: Sie haben am 1. Dezember 2016 die Geschäftsführung des KSV1870 übernommen. Wie war Ihr erster Eindruck?
Sehr positiv. Der KSV1870 hat eine breite Basis von Experten, die in der Insolvenz, im Forderungsmanagement und in der Wirtschaftsinformation einen exzellenten Job machen. Die Unternehmensgruppe stützt sich auf einen großen Schatz an Daten und Informationen, die für Wirtschaftstreibende höchst relevant sind. Daraus begründet sich auch ein enormes Potenzial für eine verstärkte Integration und Vernetzung mit Unternehmen.
 
Hand aufs Herz, wie schätzen Sie die Rahmenbedingungen für den KSV1870 aktuell ein?
Der KSV1870 kann auf viel Know-how, Erfahrung und eine starke Marke zurückgreifen. Damit konnte über viele Jahrzehnte ein tiefgreifendes Vertrauen im Markt aufgebaut werden. Aber natürlich spüren wir auch den Mitbewerb, der über den Preis aggressiv auf dem Markt auftritt, wobei die Leistung nicht immer unserem Qualitätslevel entspricht. Dieser Herausforderung stellen wir uns gerne, birgt sie doch stets den Keim für Erneuerung, Innovation und einmal „out of the box“ zu denken. Die Zeiten sind spannend, und das bedeutet auch, dass es heutzutage viele Ansatzpunkte und Kooperationsmöglichkeiten mit innovativen Unternehmen gibt. Hier sind wir offen für Neues. Wir wollen Synergien nutzen und zukunftsträchtige Partnerschaften im Sinne unserer Mitglieder eingehen. Ein anderes Thema, das uns beschäftigt, sind sich stetig verändernde rechtliche Rahmenbedingungen – aktuell zum Beispiel die Datenschutz-Grundverordnung der EU. Auch in diesem Bereich sehen wir es als unsere Pflicht an, eine Vorreiterrolle zu übernehmen.
 
Sie waren einige Jahre in Deutschland und haben ein internationales Unternehmen aus einer völlig anderen Branche, nämlich der Werbung, geführt. Gibt es trotzdem Überschneidungen mit Ihrer nunmehrigen Tätigkeit beim KSV1870?
Wunderman, mein früherer Arbeitgeber, ist eine der weltweit größten CRM/Digital-Agenturen, die 1958 in New York gegründet wurde. Das Credo lautet „Creatively Driven. Inspired by Data“. Man sieht hier schon, dass es sich nicht um eine klassische Werbeagentur handelt. Im Kern geht es darum, aus Daten intelligente Kampagnen zu entwickeln und auszusteuern. Insofern haben der starke Fokus auf Daten bei Wunderman und die große Bedeutung der daraus geschaffenen Informationen eine Parallele zum KSV1870.

Hat das Unternehmertum in Deutschland einen anderen Stellenwert als hierzulande, wo speziell auch Gründer über Hürden und behördliche Stolpersteine klagen?
Die behördlichen Stolpersteine sind aus meiner Sicht weniger das Thema. Die großen Unterschiede sind bei den Marktpotenzialen und den Budgets spürbar, die um ein Vielfaches höher als in Österreich sind. In Deutschland wurde ein Umfeld geschaffen, das das Unternehmertum stark antreibt. Berlin ist etwa ein sehr gutes Beispiel für eine dynamische Start-up- und Innovationskultur, die sich in rasantem Tempo etabliert hat. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die nordischen Länder, beispielsweise Dänemark. Sprachliche Barrieren sind durch die Internationalisierung dort kaum ein Thema, und die vorherrschende Offenheit liegt in der DNA der Kultur.
 
Mit welcher Entwicklung ist in den kommenden Jahren im Bereich Marketing und Kommunikation aus Ihrer Sicht zu rechnen, wie sollten sich Unternehmen darauf vorbereiten?

Die Kommunikation wird immer differenzierter und komplexer. Wir können heute nicht mehr alles über einen Kamm scheren. Zielgruppen von heute sind Menschen mit unterschiedlichen und veränderten Anforderungen. Klassische Einteilungen sind passé, wir müssen nun den Weg des konzeptuellen Kommunizierens gehen. Personalisierung ist einer der Trends, die wir sehen. Wir erleben eine starke Technologisierung der Kommunikation und des Marketings. Das ermöglicht es aber auch, Menschen direkt und relevanter anzusprechen. Die Zahl der Kommunikationskanäle wächst unaufhörlich. Wer geschickt kommuniziert, weiß, wen er wann auf welchem Kanal wie anspricht.
 
Die Digitalisierung ist in aller Munde. Wer wird gewinnen, wer wird verlieren?
Gewinnen werden all jene, die sich damit proaktiv auseinandersetzen und ihre Schlüsse ziehen, wobei nicht jedem Trend oder Gadget nachgelaufen werden sollte. Ab und an ist heute schon von einer „digitalen Hysterie“ die Rede. Bei all den Diskussionen zum Thema darf nicht vergessen werden, dass die Digitalisierung „nutzenorientiert“ sein muss, sie also dem Menschen unterstellt sein muss. Digitale Lösungen sind sinnvoll, wenn sie von den Unternehmen dazu eingesetzt werden, die Anforderungen ihrer Kunden noch besser und schneller zu lösen. Stets gilt es, die Augen offen zu halten, um die Zeichen der Zeit zu erkennen. So birgt die Digitalisierung auch die Gefahr, dass Geschäftsmodelle wegbrechen – Stichtwort UBER. Vorausschauendes Wirtschaften beinhaltet daher, permanent Szenarien durchzuspielen, mit dem Ziel, die Zukunft optimal zu gestalten. Im Dienst unserer Mitglieder ist das für uns eine Selbstverständlichkeit.

Was waren bisher die wichtigsten Stationen Ihrer persönlichen Karriere?
Mein Ziel war es immer, ein breites Verständnis für Themen aufzubauen. Ich wollte sowohl in der Technologie als auch der Wirtschaft Anknüpfungspunkte haben. Daraus erklären sich auch meine technische Ausbildung, das Wirtschaftsstudium und der MBA. In meiner bisherigen Laufbahn hatte ich das Glück, viele verschiedene Bereiche kennenzulernen, sei es die Technik, die Forschung, die IT, der Kommunikations- bzw. Medienbereich und nun der Gläubigerschutz beim KSV1870.
 
Woran messen Sie Erfolg – bei sich und bei anderen?
Es gibt unzählige Definitionen von Erfolg. Ich persönlich glaube, dass ein bedeutendes Anzeichen dafür ist, wenn man von anderen „nachgefragt“ wird. Wenn man um fachlichen Rat, um eine Analyse, eine Stellungnahme oder Ähnliches gebeten wird. Denn dies setzt voraus, dass man bereits durch Kompetenz und Weitsicht aufgefallen sein muss.

Das Interview ist in der ersten Ausgabe der Mitgliederzeitschrift forum.ksv erschienen.