Was macht mein Mitarbeiter den ganzen Tag?

Covid-19 wirft viele Unternehmen ins kalte Homeoffice-Wasser. Das spült vor allem Führungsprobleme an die Oberfläche.

Text: Markus Mittermüller

Homeoffice: Was macht mein Mitarbeiter den ganzen Tag?

Unternehmen lernen nun ganz schnell, was alles möglich ist. Die notwendigen technischen Voraussetzungen gibt es, und sie funktionieren.

 

Nur 4 % der heimischen Unternehmen bieten ihren Angestellten die Möglichkeit, auch zu Hause zu arbeiten. Wenig verwunderlich ist dabei, dass diese Zahl – erhoben von der Jobplattform StepStone – noch aus Zeiten vor der Corona-Krise stammt. Über Nacht hat sich diese Situation schlagartig verändert, wie eine neue StepStone-Umfrage unter rund 3.500 Arbeitnehmern aus ganz Österreich zeigt. Gleich zu Beginn der ersten Ausgangsbeschränkungen mussten 40 % aller Befragten ihre Tätigkeit auf Homeoffice umstellen, 54 % hatten grundsätzlich die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. „Das Virus hat alle ins kalte Wasser geworfen. Und manche kommen jetzt drauf, dass sie nicht schwimmen können“, meint Andreas Hladky. Der Geschäftsführer von point of origin begleitet und berät Unternehmen beim digitalen Wandel. Er ist überzeugt, dass sich die Arbeitswelt nach Covid-19 in vielen Bereichen ändern wird: „Man sieht jetzt, dass Homeoffice funktioniert und es produktiv ist. Daher wird man sich nach der Krise die Frage stellen: Brauchen wir weiterhin eine so große Büroinfrastruktur?“ Doch ist es den Unternehmen tatsächlich gelungen, Homeoffice weitestgehend zu etablieren? Und was sind die größten Stolpersteine dabei?

Unternehmen lernen schneller. Werden neue Arbeitsmodelle eingeführt, gibt es grundsätzlich einen Kardinalfehler. „Und zwar den Mitarbeitern zu sagen: Macht einmal! Denn das sind Change-Prozesse, bei denen eine Projektbegleitung und regelmäßige Evaluierungen dabei sein müssen“, erklärt Barbara Oberrauter, Leiterin Research von StepStone Österreich. Üblicherweise müsste nämlich das Unternehmen trotz steigender Freiheiten immer einen Rahmen definieren, in dem sich die Mitarbeiter bewegen sollen. Diese Übergangsphase ist nun völlig weggefallen – und das nicht unbedingt zum Nachteil der Unternehmen: „Diese lernen nun ganz schnell, was alles möglich ist. Die notwendigen technischen Voraussetzungen gibt es, und sie funktionieren“, so Hladky.

Die Führungskräfte setzen sehr stark auf Präsentismus, das wird sich ändern müssen.

Präsentismus hat ausgedient. Woran es derzeit in vielen Fällen hakt, ist eine ganz andere Frage – und zwar: Was machen meine Mitarbeiter den ganzen Tag? Schon vor der Krise war laut Oberrauter klar, warum die digitalen Möglichkeiten in Österreich noch zu wenig genutzt werden: „Die Führungskräfte setzen sehr stark auf Präsentismus, das wird sich ändern müssen.“ Denn immer noch glauben viele, dass Mitarbeiter, die lange im Büro sind, auch viel leisten. Ein Irrglaube, der durch die neuen Erfahrungen des Homeoffice entzaubert wird. „Wer im Büro nichts gearbeitet hat, der macht auch jetzt zu Hause nichts. Das ist aber ein Führungsproblem und hat nichts mit dem Thema Homeoffice zu tun“, erklärt Hladky. Ein Grund dafür ist, dass die Erwartungen zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter nicht geklärt sind. „Hier muss man sich neue Kooperationsmodelle überlegen. Für diese Änderungen in der Organisation benötigt die Führungskraft aber einen Sparringspartner oder Moderator, der diesen längerfristigen Prozess begleitet“, so der Digitalisierungsexperte.

Gefesselt in Videokonferenzen.

Mit klaren Absprachen und vereinbarten Arbeitspaketen wird auch verhindert, was derzeit den Arbeitsalltag vieler dominiert: Eine Videokonferenz jagt die nächste. Hladky rät eher zu folgender Dosis: Zwei Videocalls pro Woche mit der Dauer von je einer halben Stunde reichen, wenn die Erwartungen zuvor klar definiert wurden. „Dazu kann jede Woche noch ein Social Event über Video stattfinden“, meint Hladky. Das kann etwa ein virtuelles Glas Wein sein, bei dem die Mitarbeiter am Abend gemeinsam plaudern.

Junge ticken anders.

Telearbeit ist jedoch auch künftig kein Allheilmittel. Kristina Knezevic, Country-Managerin der Online-Plattform Xing, weiß, dass die Freiraumwünsche je nach Generation variieren: „Die Generation Y will frei von Ort und Zeit arbeiten und hat kein Problem mit der Auflösung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit.“ Anders tickt hingegen die Generation Z, die diese Mischung ablehnt. „Für diese Jungen steht eine klare Trennung von Freizeit und Arbeit im Mittelpunkt“, so Knezevic. Homeoffice allein kann daher laut der Expertin nicht die Antwort auf die unterschiedlichen Wünsche der insgesamt fünf Generationen sein, die derzeit am Arbeitsmarkt aktiv sind. Sie bringt vielmehr den Begriff „New Work“ ins Spiel. New Work beschreibt einen epochalen Umbruch, der mit der Sinnfrage beginnt und die Arbeitswelt von Grund auf neu formt. „Aktuelle Trends wie Selbstständigkeit, Freiheit, persönlicher Sinn und Identitätsfindung ändern die Arbeitswelt“, erklärt Knezevic.

Büros werden schrumpfen.

Derzeit vermisst rund ein Drittel der Befragten besonders den Austausch mit den Kollegen. Weitere 23 % haben Probleme, weil das benötigte Equipment fehlt. Aber klar ist: Die bisherigen Ressentiments gegenüber dieser Arbeitsform werden seit Beginn der Krise weggewischt. „Für viele wird Homeoffice auch künftig ein echter Benefit sein. Einfach, weil zum Beispiel auch die Zeit fürs Pendeln wegfällt“, ist Hladky überzeugt. Damit geht auch einher, dass die Büroräume in Zukunft schrumpfen werden. Gebraucht werden in erster Linie Räume für interne Meetings oder Treffen mit Kunden – neben einer dezimierten Zahl an Arbeitsplätzen.

Die Möglichkeiten der Digitalisierung sind vielfältig. Fixe Muster, die für jede Firma, jede Branche und jeden Mitarbeiter passen, gibt es jedoch nicht. Klar ist, dass die Unternehmen auf aktuelle Veränderungen reagieren müssen. Ein entscheidender Faktor ist laut Hladky dabei auch „die Vision, die ein Unternehmen für die nächsten fünf Jahre hat. Diese zieht auch junge, qualifizierte Mitarbeiter an.“