Österreichs Zukunft: So schaut’s aus!

Neun Fragen und Antworten zum Wirtschaftsstandort. Zukunftsforscher Franz Kühmayer und KSV1870 CEO Ricardo-José Vybiral im Doppelinterview. 

Zukunftsforscher Franz Kühmayer und KSV1870 CEO Ricardo-José Vybiral im Doppelinterview

 

  1. Stellen Sie sich vor, Sie werden auf einem internationalen Kongress gebeten, die Stärken und Schwächen des heimischen Wirtschaftsstandorts zu beschreiben. Wie lautet Ihre Zusammenfassung?
     

Vybiral: Österreich bietet Sicherheit und Stabilität auf vielen Ebenen, und das ist für einen Wirtschaftsstandort ein entscheidendes Asset. Sozialer Friede, ein hohes Maß an Rechtssicherheit und ein funktionierendes Kreditvergabesystem sind die Stützen der verhältnismäßig krisenresistenten Wirtschaft. Dennoch hatte Österreich die Konjunktur nach den Jahren der Stagnation im Nachzug der Lehman-Pleite bitter nötig. Damit einher ging die Befeuerung der Start-up-Kultur, was einen neuen Spirit begründet hat – nämlich, dass es cool ist, Unternehmer zu sein. Heute weisen hierzulande 89 % der Betriebe ein geringes Ausfallrisiko auf und gelten damit als sichere Geschäftspartner. Im EU-Ranking schafft es die Alpenrepublik Jahr für Jahr unter die Top Drei der besten Zahler. Bleibt noch die zentrale Lage Österreichs und seine Funktion als Brückenkopf nach Mittel- und Osteuropa. Das ist unverändert ein Plus. Auf der anderen Seite sind die Firmen nur bedingt dynamisch und wenig risikofreudig. Laut unserer Austrian-Business-Check-Umfrage fließen Investments vorrangig in die IT, Werbung/PR und in den Personalbereich. Die Entwicklung neuer Produkte und Geschäftszweige – das wird hinten angereiht. Und: Die Unternehmen pulvern viel Energie in die Prozesse und weniger in den Vertrieb. Ich finde, wir könnten bessere Verkäufer sein.

  1. Die Digitalisierung verändert die Unternehmen und die Arbeitswelt massiv. Wie wird es werden?
     

Kühmayer: Die Auswirkungen der Digitalisierung sieht man in drei Bereichen: erstens in der Neubewertung ganzer Wertschöpfungsketten – wir haben es ja nicht nur mit neuartigen Produkten, sondern vor allem neuen Geschäftsmodellen zu tun, die traditionelle Absatzlogiken durchbrechen. Das sind gute Nachrichten für innovative Unternehmen und schlechte für jene, die sich auf ihrem Erfolg von gestern ausruhen. Zweitens in der Veränderung auch hochqualifizierter Tätigkeiten – es gibt keinen vorstellbaren Beruf, der nicht durch Digitalisierung massiv beeinflusst wird. Und drittens in der Entkopplung von Produktivität und Beschäftigung. In der Konsequenz bedeutet das, dass unsere ureigensten menschlichen Fähigkeiten stärker gefragt sind als je zuvor: Wir sind schöpferische, soziale Wesen – und können damit genau das am besten, was Computer nicht können. Anders gesagt: Wenn die Maschinen immer bessere Maschinen werden, müssen wir Menschen immer bessere Menschen werden.

  1. Was können innovative Unternehmen besonders gut?


Vybiral: Die innovativsten Betriebe wie etwa Amazon haben ihre Prozesse und Kunden-Touchpoints fest im Griff. Sie leiten den User durch eine stimmige Customer Journey und verlieren sie auch nicht. Es läuft alles so „smooth“, dass die persönliche Kundenbetreuung kaum vermisst wird. Am Ende haben diese Betriebe keine Kunden, sondern Fans. Ohne Innovationen geht es natürlich nicht. Bei uns werden einzelne Mitarbeiter für temporäre Projekte freigespielt, um neue Produkte in Ecosystemen zu entwickeln. Es bildet sich ein Team, in dem auch ein Entscheidungsträger involviert ist, der bei Hindernissen den Weg freiräumt. Ich halte es aber für schwierig, innerhalb einer Organisation dauerhafte Inseln zu schaffen, in denen völlig andere Spielregeln gelten. Das lässt die Stimmung schnell kippen. Was es in jedem Fall braucht, ist eine Fehlerkultur, in der Misserfolge als Ansatzpunkte für Verbesserungen betrachtet werden.

  1. Wie sollte der Wirtschaftsstandort Österreich im Jahr 2030 optimalerweise aussehen?
     

Vybiral: Österreich hat sich als internationale Wirtschaftsdrehscheibe und Thinktank für Zukunftsthemen etabliert und als Wissensstandort neu positioniert. Das Land und die Betriebe haben frühzeitig auf Innovation, Forschung & Entwicklung und die Digitalisierung gesetzt und locken dadurch internationale Investoren an. Die Bürokratie wurde spürbar rückgebaut, die Regulierungswut eingedämmt und der Faktor Arbeit steuerlich entlastet. Man darf ja noch träumen.

Kühmayer: Bis dahin ist es Unternehmen und der Politik gelungen, Weichenstellungen in drei großen Themen vorzunehmen: erstens in der enormen Sprengkraft der Digitalisierung für Wirtschaft und Gesellschaft, zum Beispiel entlang der Frage, wie wir Arbeitseinkommen und Steuer- und Sozialaufkommen voneinander entflechten können. Zweitens in der Frage des nachhaltigen Umgangs mit Energie und natürlichen Ressourcen. Und drittens in einer Gesellschaft, die sich wieder mehr öffnet und toleranter wird und auch ein wenig gelassener und entspannter ist als heute. Schauen wir mal, ob das gelingt, denn bis 2030 sind es nur mehr zehn Jahre!

  1. Welche Entwicklungen könnten diese Vision gefährden?
     

Kühmayer: Ich empfinde vor allem unsere zunehmende Fragmentierung als Gefahr. Es ist eine bedrohliche Entwicklung, wenn gesellschaftliche Teilgruppen nichts mehr miteinander zu tun haben und auch keine gemeinsame Sprache mehr finden. Das zeigt sich auch in der Arbeitswelt, in der verstärkt die Einzigartigkeit zählt. Natürlich ist Individualisierung ein hohes und lobenswertes Gut, es wäre aber trügerisch, nicht auch die Schattenseiten zu erkennen und dagegen anzukämpfen. Das ist nicht nur eine politische, sondern eine gesellschaftliche Verantwortung – gerade auch für Führungskräfte.

Vybiral: Wenn die Betriebe die Digitalisierung zu lange verschleppen, dann wäre das ganz schlecht für die Wettbewerbsfähigkeit. Die Ergebnisse unserer Austrian-Business-Check-Umfrage zum Digitalisierungsgrad der Unternehmen bereiten mir da ehrlich gesagt Kopfschmerzen. Man konzentriert sich auf die Verbesserung interner Prozesse und digitalisiert aktuell im elektronischen Zahlungsverkehr bzw. Bankgeschäft oder im Rechnungswesen. Rund 25 % der Befragten gaben an, keine weiteren Digitalprojekte zu planen – und das, obwohl die Digitalisierung der neue Standard und kein Trend ist.

  1. Purpose ist momentan in aller Munde. Die Automatisierung braucht ihre Zeit, und Fließbandjobs wird es noch länger geben. Provokant gefragt: Wie soll das gehen, wenn jeder einen sinnstiftenden Job will?
     

Kühmayer: Zunächst ist das eine Frage des Menschenbildes, das man hat. Einen höheren Sinn im Dasein und in seiner Tätigkeit zu erkennen gehört zu den fundamentalen Antrieben des Menschen. Konsequent weitergedacht, suchen wir nach Unternehmen, die einen solchen Daseinszweck begründen und in den Kontext der Gemeinschaft stellen können. Dazu darf unternehmerischer Purpose allerdings kein Nebenprodukt der Geschäftstätigkeit sein, sondern dessen zentrales Kernelement. Wenn ein Unternehmen schlüssig beantworten kann, wie es die Welt ein Stück besser macht, dann sind letztlich auch die Jobs in diesem Betrieb sinnstiftend.

  1. Konzern oder Mittelstandsbetrieb – wer erfüllt die Erwartungen eher?


Kühmayer: Ich bin überzeugt, dass der Mittelstand Antworten auf die Diagnose des multiplen Konzernversagens liefern kann. Dessen Kennzeichen sind leider allzu bekannt: kurzatmiges Management, ausufernde Matrix-Strukturen ohne wirkliche Entscheidungen, Compliance-verschreckte Führungskräfte, die eifrigem Tatendrang regelmäßig Riegel vorschieben, zahllose Besprechungen, in denen fröhlich Bullshit-Bingo gespielt wird, und vor allem die Einsicht, dass in einem Konzern mit tausenden Mitarbeitern zwar jeder eine Traumkarriere machen kann – aber eben nicht alle. Dagegen haben klassische Mittelstandseigenschaften wieder Konjunktur: kurze Wege, klare Strukturen, unmittelbar erlebbare Nähe zum Markt, Unternehmergeist im besten Sinn des Wortes, Nachhaltigkeit – all das sind Themen, die Konzerne erst lernen müssen. Mittelständische Unternehmen können also erstaunlich attraktive Arbeitgeber sein!

  1. Wie müssen sich Unternehmen präsentieren, um attraktiv für Mitarbeiter zu sein?


Vybiral: Ich denke, dass sich Firmen fragen müssen, welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen. Welche Haltungen sie vertreten. Die Antworten darauf sollten als Unternehmensstory formuliert sein, die stark um persönliche Werte kreist. Dadurch erlangt ein Betrieb nach innen und außen ein klares Profil. Anders als früher verlangen Mitarbeiter wie Kunden heute Antworten auf diese Fragen. Bleiben die Firmen diese schuldig, dann geht es bei Kunden nur mehr um den Preis und bei den Mitarbeitern um die Höhe des Gehaltes – beides ist zu wenig, um als Betrieb wirklich attraktiv zu sein.

Kühmayer: Im Recruiting wird der eigentlich positiv gemeinte Begriff des „Hidden Champion“ zum Fluch, weil man im Schatten der bekannten Marken um Aufmerksamkeit kämpft. Man sollte aber sein Licht nicht unter den Schemel stellen: Ich bin überzeugt, dass der Mittelstand vor einer Jahrhundertchance steht – wenn er seine Hausaufgaben macht, zum Beispiel auch in der Personalarbeit. Dort geht es vor allem um den Wandel vom Patriarchat zu modernen Personalstrukturen. Wir sprechen ja seit Jahren vom postheroischen Führungsbild – der Kapitän steht heute nicht mehr einsam auf der Brücke und trifft allwissende Entscheidungen. Vor allem in Familienunternehmen ist das allerdings noch recht häufig der Fall: Dort agiert der Chef vielfach nicht nur als Kapitän, sondern auch als Lotse, Steuermann und Ticketverkäufer. Damit sind Probleme vorprogrammiert. Vielleicht wäre es ganz gut, spätestens beim Generationenwechsel auch einen Genderwechsel anzudenken, um das Unternehmen mutig und zukunftssicher auszurichten.

  1. Wie sieht der Mitarbeiter der Zukunft aus?
     

Vybiral: Ich habe oft den Eindruck, dass in letzter Zeit nur mehr von den kreativen, innovativen Mitarbeitern die Rede ist, die in „Hubs“ durch Trial and Error den disruptiven Herausforderungen begegnen. Ihnen gegenüber stehen Mitarbeiter mit Fokus auf Prozesse und effiziente Abläufe. Beide Gruppen sind wichtig. Die Frage ist, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen – und dieses verschiebt sich gerade. Die Antwort orientiert sich stark am Tätigkeitsfeld von Unternehmen und dem Grad der Disruption einer Branche. In den Bereichen Gesundheit, Sicherheit oder auch in der industriellen Fertigung ist der Fokus auf Prozesse wichtiger als in Werbeagenturen. Für mich steht außer Frage, dass das Verhältnis dieser Gruppen zueinander den Erfolg von Unternehmen wesentlich bestimmen wird. Gleichzeitig benötigen beide Gruppen 1-a-Ausbildungen und müssen bereit sein, stets auf dem neuesten Stand zu bleiben.

 

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