Austrian Business Check: Jeder Fünfte zahlt zu spät

  • Zahlungsfrist: Bund und Länder ignorieren eigene Spielregeln
  • Öffentliche Hand muss zum Vorbild werden
  • Zahlungsverzug bei guter Wirtschaftslage nicht notwendig 

Wien, 12.09.2018 – Trotz anhaltend stabiler Wirtschaftslage ist es nach wie vor nicht selbstverständlich, ausstehende Forderungen pünktlich zu bezahlen. Denn quer durch alle Kundengruppen zahlt jeder Fünfte (19 %) in Österreich seine Rechnungen nicht rechtzeitig. In Sachen Zahlungsdauer hat der öffentliche Sektor den größten Aufholbedarf. Bund und Länder hinken dabei deutlich hinter: Mit einer durchschnittlichen Zahlungsdauer von 37 Tagen verstoßen sie sogar gegen die von ihnen selbst gesetzlich festgelegten Zahlungsfristen. Die Hauptmotive für verspätete Zahlungen sind die Ausnützung der Machtposition (Öffentliche Hand), Ineffizienz der Verwaltung (Firmenkunden) und Vergesslichkeit (Privatkunden). 

Austrian Business Check Zahlungsmoral 2018 web


Wie die Ergebnisse des vom KSV1870 durchgeführten Austrian Business Check zur Zahlungsmoral in Österreich bestätigen, hat die Öffentliche Hand im Vergleich zu den Firmen- (29 Tage) und Privatkunden (17 Tage) die klar längste durchschnittliche Zahlungsdauer (34 Tage) vorzuweisen. Dabei bereiten Bund und Länder mit je 37 Tagen die größten Sorgen: „Mit dieser Zahlungsmoral brechen sie nicht nur ihre selbst festgesetzten Zahlungsziele, sondern sind zugleich ein schlechtes Vorbild“, erklärt Mag. Ricardo-José Vybiral, MBA, Vorstand der KSV1870 Holding AG. Aufgrund der guten Wirtschaftslage sind unpünktliche Zahlungen nicht notwendig: „Ein nachlässiges Zahlungsverhalten ist bei der aktuell guten Konjunktur unverständlich. Zusätzlich wären die dadurch entstehenden Betreibungskosten, die auf das Konto der Unternehmen gehen, vermeidbar“, so Vybiral.
71 Prozent der Befragten stufen die derzeitige Wirtschaftslage als sehr gut bzw. gut ein.
 
Anpassung verfehlt Wirkung
Die Unternehmen haben versucht, die Zügel anzuziehen und passten das Zahlungsziel auf Bundes- und Landesebene von 32 auf 30 Tage an. Das hat jedoch die gewünschte Wirkung verfehlt. Während beim Bund der Zahlungsverzug auf sieben Tage (plus 2) anstieg, erhöhte sich bei den Ländern der Verzug sogar um drei auf jetzt ebenfalls sieben Tage. Mit einer daraus resultierenden Zahlungsdauer von 37 Tagen liegen beide deutlich über dem gesetzlich festgelegten Zahlungsziel. Die große Ausnahme am öffentlichen Sektor sind, wie schon in der jüngeren Vergangenheit, die Gemeinden mit einer Zahlungsdauer von
30 Tagen.
 
Bei den Bundesländern gibt es sowohl auf Länder- als auch auf Gemeindeebene starke Schwankungen. Während das Land Burgenland durchschnittlich 51 Tage benötigt, um offene Forderungen zu begleichen, ist das Land Steiermark mit 33 Tagen verhältnismäßig flott unterwegs. Auf Gemeindeebene sind es die Vorarlberger, die innerhalb von 25 Tagen bezahlen und damit nicht nur am schnellsten sind, sondern sogar innerhalb des Zahlungsziels bezahlen.
 
Wann Unternehmen wirklich bezahlen
23 Prozent der Firmen halten sich nicht an die vereinbarten Fristen und bezahlen mit Verspätung. Im Durchschnitt begleichen Firmenkunden ihre Rechnungen nach 29 Tagen. Am längsten müssen sich Unternehmen aus dem Bereich Textilwirtschaft/Schuhe/Leder/Felle/Pelze gedulden: 38 Tage dauert es, bis sie ihr Geld erhalten. Am schnellsten erfolgt die Zahlung in der Branche Land/Tiere/Forstwirtschaft mit 24 Tagen, gefolgt von den Versicherungen/Realitäten/unternehmensbezogene Dienstleistungen mit 25 Tagen. Auffallend ist, dass sich quer durch alle Branchen speziell große Unternehmen besonders viel Zeit lassen: „Einer der Gründe, warum gerade die Großen langsam bezahlen, ist, dass interne Wege länger sind und die Verwaltung teilweise ineffizient organisiert ist“, erklärt Walter Koch, Geschäftsführer der KSV1870 Forderungsmanagement GmbH.
 
Zahlungsdauer bei Privaten: 17 Tage
Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahlungsmoral bei den Privaten unverändert. Im Schnitt dauert es 17 Tage, bis Rechnungen beglichen werden. Während die durchschnittliche Zahlungsdauer im Bereich Verkehr/Nachrichtenübermittlung mit 24 Tagen am höchsten ist, müssen Firmen aus der Branche Textilwirtschaft/Schuhe/Leder/Felle/Pelze lediglich sieben Tage auf ihr Geld warten. Damit liegen sie sogar deutlich unter dem gesetzlich festgelegten Zahlungsziel.
 
Hauptmotive: Machtposition, ineffiziente Verwaltung und Vergesslichkeit
Egal ob bei Firmen- oder Privatkunden: Der momentane Liquiditätsengpass findet sich nach wie vor unter den Top-Motiven, warum Zahlungen verspätet beglichen werden. Allerdings ist für knapp 54 Prozent der Befragten eine ineffiziente Verwaltung der Firmenkunden der Hauptgrund für das Nichtbezahlen von Rechnungen innerhalb der festgelegten Fristen. Im Gegensatz dazu wird bei den Privatkunden die Vergesslichkeit in 63 Prozent der Fälle als Grund Nummer eins angesehen. Im öffentlichen Bereich wird hingegen ein gänzlich anderes Motiv als Hauptgrund vermutet: „Knapp die Hälfte ist sich sicher, dass die Öffentliche Hand ihre Machtposition ausnützt, um nicht fristgerecht zu bezahlen“, so Koch.
 
Forderungsmanagement: Luft nach oben
In Österreich werden jährlich zumindest 1,9 Mio. Rechnungen in der Höhe von 1,35 Mrd. Euro selbst nach versendeten Zahlungserinnerungen und Mahnungen nicht bezahlt. Grund genug, sich mit seinen Schuldnern auseinanderzusetzen. Wie der aktuelle Austrian Business Check zeigt, müssen 60 Prozent der befragten Unternehmen bei bis zu fünf Prozent ihrer offenen Rechnungen Maßnahmen ergreifen. Dabei wird von Firmen- und Privatkunden rund ein Fünftel der nicht bezahlten Rechnungen an externe Dienstleister wie etwa Inkassoinstitute übergeben. „Ich kann nur empfehlen, bei auftretenden Zahlungsschwierigkeiten mit uns in Kontakt zu treten. Denn es ist nach wie vor so, dass ein Anruf von unserer Seite genügt und die Schulden werden beglichen“, erklärt Koch.
 
Mahnspesen waren gestern
Im Vergleich zu früheren Jahren sind Mahnspesen und Verzugszinsen nicht mehr das Allheilmittel für pünktliche Zahlungen. Der Großteil (Firmen-/Privatkunden: 67 %, Öffentliche Hand: 86 %) ist bereits froh, wenn zumindest die Hauptforderung von den Schuldnern beglichen wird. Knapp 36 Prozent der Befragten verzichten für den Fall des Zahlungsverzuges von Firmen- oder Privatkunden von vornherein auf Zusatzkosten. Am öffentlichen Sektor sind es rund 44 Prozent. 

Austrian Business Check Zahlungsmoral 2018


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