Die Zahl der Firmenpleiten befindet sich in Summe in den ersten drei Quartalen 2026 auf Vorjahresniveau. Die mangels Masse abgewiesenen Verfahren steigen hingegen deutlich.
Wien, 16.09.2026 – Laut aktueller KSV1870 Hochrechnung mussten in den ersten drei Quartalen 2026 in Österreich 5.139 Unternehmen (+ 0,4 % gegenüber 2025) Insolvenz anmelden. Das sind im Schnitt 19 Betriebe pro Tag. Dabei ist insbesondere das Verhältnis von eröffneten und nichteröffneten Verfahren besorgniserregend: Denn jene Fälle, die mangels Kostendeckung nicht eröffnet werden, machen bereits 43 Prozent aller Firmenpleiten aus – Tendenz steigend. Zu den Insolvenztreibern zählen der Handel, das Baugewerbe und der Sektor Gastronomie/Beherbergung. Die vorläufigen Passiva* belaufen sich auf rund 6 Mrd. Euro – ein Rückgang von sieben Prozent gegenüber 2025. Weiters sind seit Jahresbeginn 15.700 Arbeitnehmer (+ 4,7 %) und 36.300 Gläubiger
(+ 8,7 %) betroffen. Am Jahresende erwartet der KSV1870 ein Ergebnis, das dem Vorjahr (6.800 Firmenpleiten) entsprechen dürfte.
Die schwache Konjunktur, die verhaltene Nachfrage und hohe Kosten belasten die Betriebe und schwächen die wirtschaftliche Substanz vieler Unternehmen kontinuierlich – ein kräftiger Aufschwung ist gegenwärtig nicht erkennbar. Die Belastungen der Vergangenheit wirken unverändert, zudem verstärkt die Inflation den Kostendruck – insbesondere nachdem diese auch infolge des Nahost-Konflikts im Vergleich zum Jahresbeginn zuletzt wieder gestiegen ist. „Wo Margen und finanzielle Reserven knapp sind, kann der anhaltende wirtschaftliche Druck schnell existenzbedrohend werden. Entsprechend hoch bleibt die Zahl der Betriebe, die ihre finanziellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen können und den Weg in die Insolvenz antreten müssen“, erklärt MMag. Karl-Heinz Götze, MBA, Leiter KSV1870 Insolvenz. Weiters zeigt die aktuelle KSV1870 Hochrechnung, dass im ersten Quartal 2026 (1.769) die meisten Fälle verzeichnet wurden, gefolgt vom dritten Quartal (1.690) und dem zweiten Quartal (1.680).
Massiver Zuwachs bei nichteröffneten Fällen
Darüber hinaus hat sich im dritten Quartal eine Entwicklung weiter verschärft: Während die Zahl der eröffneten Unternehmensinsolvenzen gegenüber dem Vorjahr um 7,2 Prozent gesunken ist, steigt jene der mangels Masse nicht eröffneten Verfahren um 12,6 Prozent deutlich an. „Dass es zwischen den eröffneten und abgewiesenen Fällen mittlerweile nur noch einen zahlenmäßig geringen Unterschied gibt, ist alarmierend. Das ist ein Umstand, den die Gläubiger massiv zu spüren bekommen, da sich in diesen Fällen ihre Verluste weiter erhöhen. Das kann auch für wirtschaftlich gesunde Unternehmen mittel- und langfristig zum Problem werden“, so Götze. Konkret bedeutet das, dass es seit Jahresbeginn bei 2.204 Fällen (ca. 43 % aller Verfahren) mangels Kostendeckung nicht möglich war, diese einer geordneten Abwicklung zuzuführen. Die Gründe: Einerseits wird immer häufiger mit der Insolvenzanmeldung zu lange gewartet, andererseits dürfte dies zumindest punktuell eine Folge des im Jänner 2026 beschlossenen Betrugsbekämpfungsgesetzes sein. Denn infolgedessen ist es vielfach so, dass vor der Änderung der Gesetzeslage durchsetzbare Anfechtungsansprüche nun nicht mehr geltend gemacht werden können, die Zahl der Gläubigeranträge sinkt und auch die Quoten dementsprechend für die Gläubiger zurückgehen. In diesem Zusammenhang sind - wie bereits beim Gesetzesbeschluss seitens des KSV1870 vorausgesagt - Folgeinsolvenzen zu befürchten.
Wenig Bewegung in den Branchen
Der Handel verzeichnet seit Beginn des Jahres mit 861 Unternehmensinsolvenzen unverändert die meisten Fälle, wenngleich der Rückgang von 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr als positiv zu bewerten ist. Besorgniserregend ist im Handel vielmehr das große Delta zwischen eröffneten (- 15,3 %) und nichteröffneten (+ 17,2 %) Verfahren. „Im Handel sehen wir aktuell sehr viele Betriebe, die mit der Insolvenzanmeldung deutlich zu lange warten. In weiterer Folge ist es aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen nicht mehr möglich, ein Insolvenzverfahren zu eröffnen, weshalb auch Arbeitsplätze verloren gehen, die bei frühzeitiger Anmeldung unter Umständen hätten erhalten werden können. Gerade im Handel, der ein großer Arbeitgeber ist, ist das sehr bedenklich“, so Götze. Weiters verzeichnet das Baugewerbe mit 719 Fällen (- 0,3 %) die zweitmeisten Firmenpleiten – eine Branche, in der sich eröffnete und abgewiesene Fälle inzwischen in etwa die Waage halten. Im Bereich des Grundstücks- und Wohnungswesens – also jene Branche, die in enger Verbindung zum Baugewerbe steht – zeigt sich insgesamt ein Rückgang der Fallzahlen von zehn Prozent, jedoch fällt das Verhältnis von eröffneten (- 19 %) und nichteröffneten Verfahren (+ 29,6 %) besonders massiv aus.
Abwärtsspirale in der Gastronomie setzt sich fort
An dritter Position rangiert unverändert der Sektor Gastronomie/Beherbergung. Im Gegensatz zum Handel und dem Baugewerbe zeigt sich hier gegenüber dem Vorjahr ein deutlicher Anstieg von 9,8 Prozent, der sich relativ gleichmäßig auf eröffnete (+ 11 %) und abgewiesene Fälle (+8 %) verteilt. „Die Situation in der Gastronomie hat sich auch in den vergangenen Monaten nicht beruhigt. Hohe Betriebskosten und fehlendes Personal sind die Gründe, weshalb viele Betriebe ihre Öffnungszeiten verkürzen und dadurch nicht mehr ausreichend Umsatz lukrieren“, so Götze. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen über tendenziell weniger Eigenkapital verfügen und finanzielle Reserven somit knapp oder aufgebraucht sind.
Passiva* rückläufig
Wie die aktuelle KSV1870 Hochrechnung zeigt, sind die vorläufigen Passiva* im Jahresverlauf um sieben Prozent auf rund 6 Mrd. Euro gesunken. Während es im vergangenen Jahr 15 Fälle mit Passiva von über 50 Mio. Euro gab, sind es 2026 bislang sechs Fälle dieser Größenordnung. Die bis dato größte Unternehmensinsolvenz des heurigen Jahres betrifft jene der Laura Privatstiftung (Signa/Benko) mit Passiva von rund 1,7 Mrd. Euro. Weiters fällt auf, dass unter jenen knapp 70 Großinsolvenzen mit Passiva von über 10 Mio. Euro fast die Hälfte (29) aller Fälle einen Bezug zum Immobiliensektor aufweist. Zudem war zuletzt ein Trend in Richtung mittelständischer Unternehmen mit Passiva von bis zu 50 Mio. Euro erkennbar.
Prognose: Jahresergebnis wohl auf Vorjahresniveau
Auf Basis der vorliegenden Zahlen erwartet der KSV1870 aus heutiger Sicht am Jahresende rund 6.800 Unternehmensinsolvenzen in Österreich. Dieses Ergebnis würde in etwa dem Vorjahresniveau entsprechen und zugleich bedeuten, dass die Zahl der Firmenpleiten ein weiteres Jahr auf historisch hohem Niveau bleiben würde. „Nachdem sich die Insolvenzdynamik im dritten Quartal kaum verlangsamt hat, ist auch in den kommenden Monaten mit einer Fortsetzung der aktuellen Entwicklung zu rechnen. Insbesondere die Monate November und Dezember werden erfahrungsgemäß für viele Betriebe herausfordernd“, so Götze. Darüber hinaus ist aus heutiger Sicht zu erwarten, dass sich auch die gegenwärtige Situation in puncto eröffneter und nichteröffneter Verfahren kaum verändern wird: „Angesichts dieser Faktenlage ist es höchst an der Zeit, eine gesetzliche Basis zu schaffen, wie mit den mangels Masse abgewiesenen Fällen zukünftig umzugehen ist. Andernfalls wird sich der gesamtwirtschaftliche Schaden weiter erhöhen“, so Götze.
Insolvenz-Entgelt-Fonds: keine Beitragserhöhungen zulasten der Unternehmen
Abseits der aktuellen Insolvenzentwicklung war in den vergangenen Wochen eine mögliche Finanzierungslücke des Insolvenz-Entgeld-Fonds (IEF) Gegenstand einer intensiven öffentlichen Diskussion. Aus Sicht des KSV1870 ist dabei ein Punkt wesentlich: Aufgrund der Tatsache, dass sich Österreichs Unternehmen seit einigen Jahren mit massiven wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert sehen, ist eine automatische Anhebung der Dienstgeberbeiträge keine Option. „Dadurch würden die Betriebe finanziell zusätzlich belastet werden, was angesichts der derzeitigen Situation nicht erstrebenswert sein kann“, so Götze. Wichtig in der Diskussion ist jedenfalls, nicht nur den Bedarf für das Jahr 2027 zu bewerten, sondern langfristig zu denken und sowohl die Interessen der Arbeitgeber wie auch jene der Arbeitnehmer zu berücksichtigen.
*) Die Passiva für die ersten drei Quartale 2026 sind vorläufige Werte und beziehen sich auf den Stichtag der Hochrechnung, den 09.09.2026. Im Zuge der fortlaufenden Insolvenzverfahren werden sich diese Passiva noch verändern.
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