Artikel: Webseiten ohne Barriere

18.04.2017

Hand aufs Herz: Wissen Sie, ob der Internetauftritt Ihres Unternehmens barrierefrei ist? Falls nicht, wäre es wichtig, sich künftig mit diesem Thema zu beschäftigen. Denn: Sie könnten sonst unbemerkt potenzielle Kunden verlieren.

Laut Bundesbehindertengleichstellungsgesetz (BGStG) darf niemand aufgrund einer Behinderung unmittelbar oder mittelbar diskriminiert werden. Das seit 1. Jänner 2006 geltende Gesetz bezieht sich einerseits auf Bauwerke, andererseits auch auf Informationsangebote im Internet. Während der Gesetzgeber im baulichen Bereich in der Privatwirtschaft eine Frist bis Ende 2015 erteilte, sollten Webauftritte eigentlich schon lange von Barrieren befreit sein. „Für diesen zweiten Bereich gab es keine Übergangsfrist, die Verpflichtung zu barrierefreier Gestaltung von Webseiten besteht also, weitgehend unbekannt und unbeachtet, schon seit mehr als zehn Jahren“, sagt die zertifizierte Web-Accessability-Expertin Susanne Buchner-Sabathy, die Webauftritte testet und Vorträge und Workshops für Webseitenbetreiber und Webdesigner hält. Zwar verpflichtet das Gesetz nicht automatisch zur Barrierefreiheit – wer sich aber durch eine Barriere diskriminiert fühlt, kann Schadenersatz geltend machen.
 

Was bedeutet barrierefrei im Web? Was unter Barrierefreiheit zu verstehen ist, bringt die Expertin klar auf den Punkt: „Ganz einfach: Jeder und jede soll auf dieselben Inhalte zugreifen können, wenn er oder sie eine bestimmte Webseite aufruft. Und zwar unabhängig davon, ob man bestimmte Farben nicht unterscheiden kann, blind oder in der Beweglichkeit der Hand eingeschränkt ist oder nicht. Und unabhängig davon, ob man eine Seite am PC ansieht oder am Laptop oder mit dem Handy oder ob man assistive Software benötigt.“ Dabei gibt es unterschiedliche Hindernisse: Für Menschen mit Sehbehinderung kann eine zu kleine Schrift, die nicht vergrößerbar ist, ebenso unlesbar sein wie ein zu geringer Kontrast zwischen Schriftfarbe und Hintergrund. Gehörlose wiederum können mit Videos ohne Untertitel wenig anfangen. Menschen mit Lernschwierigkeiten brauchen verständliche Texte, Smartphone-User scheitern an Webauftritten, die nicht mobilfreundlich gestaltet sind. Aber auch an ältere Menschen sollte gedacht werden, die motorische Behinderungen, Sehbehinderungen und Hörbehinderungen haben können.
 
Blinde Menschen navigieren anders. Da Buchner-Sabathy selbst blind ist, weiß sie aus eigener Erfahrung, welche Hindernisse sich in den Weiten des Internets verbergen, die für Menschen ohne Sehbeeinträchtigung kaum wahrgenommen werden. Für blinde Menschen ist es wichtig, dass alle Informationen auch in Textform vorhanden sind, um diese mit der Braillezeile ertasten oder mit Sprachausgabe hören zu können. Fehlt bei Diagrammen oder Grafiken eine Bildbeschreibung, können die Inhalte nicht erfasst werden. Aber auch ein Link, der nur durch Mausklick aktiviert werden kann, wird zur Barriere, etwa beim Lesen mit einem Screenreader. Wichtig sind auch die Navigation und die korrekte Kennzeichnung der Inhalte: „Ein Screenreader liest ungefiltert alles, was er vorfindet, und auch in der Reihenfolge, die vorgegeben ist. Das kann sehr mühsam für den User werden, wenn er sich geduldig auch alles Überflüssige anhören muss, bis er endlich zum relevanten Inhalt kommt“, sagt Webdesignerin Sunla Mahn, die sich auf barrierefreie Webauftritte spezialisiert hat. Ist auf der Webseite nicht die Sprache angegeben, in der der Text geschrieben ist, werden Informationen unverständlich: „Dann wird z. B. ein deutschsprachiger Blog-Eintrag von der ‚englischen Stimme‘, mit englischer Aussprache, vorgelesen. Klingt zuerst lustig, ist aber völlig unverständlich“, sagt Buchner-Sabathy.
 
Barrierefrei geschriebene Webseiten lassen die Wahl: „Als Erstes kann er sich z. B. alle Überschriften durchlesen und dabei entscheiden, welcher Inhalt ihn weiter interessiert. Bei richtig ausgezeichneten Seiten kann ein beeinträchtigter Benutzer über die Tastatur direkt in den Hauptinhalt springen und sich alles, was sich darüber, darunter, links oder rechts befindet, für später aufheben. Das erhöht die Chance, dass er auf der Seite bleibt und gegebenenfalls ein Angebot wahrnimmt“, so Mahn. Der Webdesignerin zufolge werde die Anzahl an Interessierten und potenziellen Kunden mit Sehbehinderung übrigens enorm unterschätzt. „Abgesehen von der gesetzlichen Verpflichtung sollte sich jeder Unternehmer klarmachen, welch großen Anteil an Konsumenten oder Multiplikatoren er ausschließt, indem er ihnen sein Angebot einfach nicht zugänglich macht.“ Von der Speisekarte bis zum Gratis-E-Book: „Was nutzt dem Blinden ein solches Angebot, wenn das PDF nicht vorgelesen werden kann? Im Falle der AGB ist es sogar noch heikler, da diese nur Gültigkeit haben, wenn sie dem Kunden zugänglich sind.“
 

Wie barrierefrei ist Ihr Unternehmensauftritt im Internet?
Die zertifizierte Web-Accessability-Expertin Susanne Buchner-Sabathy gibt Tipps, wie Sie erkennen können, ob Ihr Unternehmensauftritt im Internet barrierefrei ist.

1. Automatische Tools
Es gibt einige Internetseiten, auf denen man die Barrierefreiheit automatisiert testen kann, z. B. auf http://wave.webaim.org. Aber erstens sind diese Berichte für Menschen ohne ausgeprägtes Technik-Faible kaum verständlich und umsetzbar, und zweitens kann man eine Seite nur schwer automatisch testen. Dafür braucht es erfahrene Experten. Die genannten Tools können dabei nur Hilfsmittel sein. Eine Maschine kann nur in Einzelfällen beurteilen, ob eine Bedingung der Barrierefreiheit sinnvoll umgesetzt ist. Zum Beispiel könnte eine Software erkennen, ob der Alternativ-Tag eines Bildes (zur Bildbeschreibung) leer ist. Wenn aber „xxx“ in dem Alternativ-Tag steht, ist das der Maschine auch recht. Mir (als Userin oder User) aber nicht.

2. Tipps & Tricks zum Testen
Es gibt aber ein paar sehr einfache und wirkungsvolle Möglichkeiten, um sich rasch einen guten Eindruck von der Zugänglichkeit der eigenen Webseite zu verschaffen:
 

  • Navigation ohne Maus:
    Verstecken Sie Ihre Maus und versuchen Sie, auf Ihrer Webseite alles zu tun, was Ihre Besucher oder Kunden tun sollen: im Menü und im Inhaltsbereich navigieren, Links aufrufen, den Cursor in Eingabefelder setzen, Kontrollkästchen ankreuzen, sich für den Newsletter eintragen, ein Produkt im Webshop kaufen, eine Mail an die Kontaktadresse senden etc.
     
  • Webseite ohne Layout betrachten:
    Sehr aufschlussreich und zugleich sehr einfach ist es auch, das Layout wegzuschalten. Da kann man gut erkennen, ob die Struktur überzeugend ist.
    Mozilla: Ansicht [ALT + a] -> Webseitenstil -> kein Stil
    Internet Explorer: Ansicht [ALT + a] -> Format -> kein Format
    In diesem Ansichtsmenü kann man auch – bei eingeschaltetem Web-Layout – die Textgröße verändern. Es wird ersichtlich, ob das überhaupt geht bzw. ob eventuell der Text verschwindet.

Text: Sonja Tautermann

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