Der KSV1870 Standortleiter in Graz, René Jonke, über die wirtschaftliche Situation in der Steiermark, professionelles Risikomanagement und sein Herzensanliegen: die Finanzbildung von Jugendlichen.
In der Steiermark gibt es bei den Insolvenzen ein Plus von 3,4 Prozent im ersten Halbjahr. Was bedeutet das?
Diese Steigerung ist groß, vor allem auch im Vergleich zum Bundestrend. Für Gesamt-Österreich verzeichnen wir sogar einen geringen Rückgang von minus einem Prozent. In den vergangenen Jahren ist die Dynamik aber stark und die Zahlen steigen seit Corona, sprich 2021. Das klingt dramatisch, muss aber auch relativiert werden. 2021 waren die Zahlen auf einem historischen Tiefststand. In der Steiermark haben wir die aktuellen Zahlen schon vor Corona häufig gesehen. Sie sind – langfristig betrachtet – nicht außerhalb der Norm und Erwartung. Aber, Sorge bereitet mir, dass mittlerweile viele große Betriebe betroffen sind, das sieht man auch an der Explosion der Passiva. Ein Plus von 244 Prozent spricht Bände. Das bedeutet, dass viele Jobs betroffen sind, und das macht die Entwicklung auch zu einem sozialpolitischen Problem.
Warum finden sich vermehrt Großbetriebe am Insolvenzgericht wieder?
Viele Pleiten kommen aus dem Industriesektor bzw. dem Bereich Herstellung von Waren. Sie leiden unter den globalen Spannungen und den hohen Kosten. Die bestehenden Unternehmen wollen wettbewerbsfähig bleiben und daher sehen wir auch Produktionsverlagerungen und die Streichungen von Arbeitsplätzen. Die Steiermark ist zudem ein Autocluster und spürt die starke Konkurrenz aus China. Politische Entscheidungen, etwa in Bezug auf Elektromobilität müssen so sein, dass die Betriebe sich darauf einstellen können. Es sind knallharte Überlegungen, die die Betriebe aktuell anstellen. Investitionen werden in diesem Bereich langfristig getätigt– oder gar nicht. Dem gegenüber sehen wir aber auch Pleiten von Unternehmen, die von einem Umsatzrekord zum nächsten gejagt sind. In den Bilanzen wäre aber ablesbar gewesen, dass die Gewinne rückläufig sind. KTM war etwa so ein Fall. Häufig sinkt auch die Liquidität so stark, dass die Pleite unvermeidbar ist. Hier wird häufig zu langsam reagiert oder es treten zu viele Probleme gleichzeitig auf, sodass die Manager keine Lösungen mehr finden.
Wie soll es weitergehen?
Ich denke schon, dass die Rahmenbedingungen für die Industrie – und damit auch die großen Arbeitgeber im Land - unter die Lupe genommen werden müssen. Jegliche Vorschläge der Bundesregierung hinsichtlich Entlastungen sind positiv, aber der Zeithorizont ist in der Regel schwierig. Für die Steiermark kann ich klar sagen, dass Maßnahmen schnell gesetzt werden müssen, um die großen Arbeitgeber zu halten.
Welche Rolle spielt Risikomanagement heute im Vergleich zu früher?
Durch die Globalisierung und Digitalisierung ist ein gutes Risikomanagement heute eine Voraussetzung.
Heutzutage muss man verstärkt die internationalen Entwicklungen im Blick halten. Das war früher sicher anders. Durch die Globalisierung und Digitalisierung ist ein gutes Risikomanagement heute eine Voraussetzung. Eine laufende Bonitätsprüfung ist daher heute noch wichtiger als früher. Ganz wichtig ist aus meiner Sicht der Fokus auf Bestandskunden. Man kann zehn Jahre mit Unternehmen zusammenarbeiten, aber innerhalb von 12 Monaten kann viel passieren. Auch bei den angesprochenen Rekordumsätzen ist es sinnvoll, die Bonität zu checken, denn diese bildet die gesamthafte Situation ab. Daher stets das Rating checken, auch wenn die Oberfläche glänzt. Eine hohe Abhängigkeit von wenigen Lieferenten bzw. Kernprodukten, die Unternehmen dringend benötigen, ist ein anderes Problem. Zum Glück verstehen die Unternehmen auch immer mehr, dass sie die eigene Bonität im Blick behalten müssen. Verschlechterungen führen zu Konsequenzen, so werden Zahlungsmodalitäten bzw. -konditionen restriktiver und Finanzierungen teurer. Auch die eigene Bonität wird abgefragt - das sollten Unternehmen nicht vergessen.
Welche Rolle spielt Inkasso heutzutage?
Eine finanzielle Schieflage kann natürlich auch durch hohe Außenstände verursacht werden. Insbesondere, wenn mehrere Krisen zuschlagen – Stichwort Energiepreise, Lohnerhöhungen, unterbrochene Lieferketten - dann können hohe Außenstände der Sargnagel sein. Meine Empfehlung: konsequent Rechnung legen, rasch mahnen oder die Forderung an Inkasso-Professionisten übergeben. Es spricht auch nichts dagegen, den gesamten Prozess auszulagern. Wir beim KSV1870 sehen uns als Vermittler zwischen Gläubiger und Schuldner. Sprich, wir versuchen, tragfähige Lösungen zu entwickeln. Immer wieder hören wir, dass Unternehmen mit ihren Kunden bei Zahlungsschwierigkeiten nicht so hart ins Gericht gehen wollen. Schließlich kennt man sich – insbesondere im regionalen Bereich. Auch zukünftige Geschäfte sollen nicht gefährdet werden. Diese Gedanken sind verständlich, aber im Geschäftsleben müssen eben auch unangenehme Themen angesprochen werden.
Zum Schluss eine persönliche Frage: Sie sind seit vielen Jahren eine bekannte Stimme des Gläubigerschutzes in der Steiermark. Was gefällt Ihnen besonders an Ihrem Job?
Der Gläubigerschutz hat mehr Aspekte als Außenstehende vielleicht denken. Der KSV1870 ist heute nicht mehr nur im Insolvenzbereich im Einsatz. Durch die vielen Regularien ergeben sich immer wieder neue Ansatzpunkte, Stichwort Compliance-Check oder CyberRisk Rating – auch das bieten wir an. Selbiges gilt für die fortschreitende Technologisierung. Der KSV1870 unterstützt über seine Tochter FINcredible etwa beim sicheren Onboarding von Kunden und bei Know-Your-Customer-Prozessen. Möglich wurde das durch PSD2. Darüber hinaus halte ich auch Vorträge in Schulen zum Thema Verschuldung und Umgang mit Geld. Über die Jahre bin ich ein gern gesehener Gast geworden und solche Besuche sind mir ein Herzensanliegen.