Wenn psychische Belastung zur Kostenfrage wird

Psychische Gesundheit ist längst weit mehr als ein „weiches“ Thema der Personalpolitik. Denn wenn Mitarbeitende über längere Zeit erschöpft, unkonzentriert oder überfordert sind, wirkt sich das nicht nur auf Leistung und Zusammenarbeit aus, sondern mitunter auch auf den Unternehmenserfolg. Damit stellt sich auch eine wirtschaftliche Frage: Was kostet es, wenn psychische Belastung zu spät erkannt wird?    

Text: Christina Mothwurf

Gespräch zwischen zwei Personen

 

Dass psychische Belastung kein Randthema mehr ist, zeigt eine aktuelle PwC-Umfrage zum Thema „Arbeiten im Wandel der Lebensphasen“ unter mehr als 1.000 Erwerbstätigen in Österreich. Das Ergebnis: 63 % der Befragten geben an, dass ihre psychische Belastung in den vergangenen zwei Jahren spürbar gestiegen ist. Fast jede vierte befragte Person gibt an, dass die eigene Arbeitsfähigkeit in den vergangenen zwei Jahren nicht gefördert wurde. Als wichtigste Hebel für die Arbeits- und Leistungsfähigkeit gelten Zusammenarbeit im Team, Flexibilität sowie Wertschätzung und Anerkennung – weit vor klassischen Faktoren wie Gehalt oder strukturellen Rahmenbedingungen. Diese Zahlen verdeutlichen eindrucksvoll: Psychische Belastung hat Folgen – für Menschen, aber auch für Abläufe, Produktivität und Kosten. 

Nicht nur Krankenstand kostet

Der wirtschaftliche Effekt wird besonders deutlich, wenn Mitarbeitende ausfallen. Doch Krankenstandskosten allein greifen zu kurz. „Wirtschaftlich relevanter sind die Auswirkungen eines Ausfalls auf die Abläufe und die Produktivität“, sagt Julia Reingruber, Director Talent & Culture bei Familux Resorts. Das in Österreich ansässige Unternehmen beschäftigt an vier Standorten in Österreich und Deutschland mehr als 800 Mitarbeitende. Gerade in einem personalintensiven Bereich wie der Hotellerie müssten mögliche Ausfallzeiten bereits in Personalplanung und Recruiting mitgedacht werden. Dabei sei wichtig, zwischen unterschiedlichen Ursachen zu unterscheiden: „Nicht jeder Ausfall ist automatisch ein Hinweis darauf, dass im Unternehmen oder im Arbeitsumfeld etwas nicht stimmt“, so Reingruber. Krankenstände und Ausfallzeiten gehören bis zu einem gewissen Grad zur Realität jedes Unternehmens. „Entscheidend ist für uns vielmehr, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass vermeidbare Belastungen möglichst früh erkannt und reduziert werden.“ Besonders schwer wiegen längere Ausfälle, etwa bei Burnout oder psychischen Erkrankungen. Wissen und Erfahrung fehlen dann über Wochen oder Monate, Teams müssen Aufgaben auffangen, und damit steige die Belastung exponentiell auch an anderen Stellen. 

Unsichtbare Verluste

Dazu kommt ein Kostenfaktor, der in keiner Krankenstandsstatistik sofort sichtbar ist: Präsentismus. Gemeint sind Mitarbeitende, die zwar am Arbeitsplatz anwesend sind, aber aufgrund von Erschöpfung, Ängsten oder anhaltendem Druck ihren Aufgaben nicht mehr in gewohnter Weise nachgehen können. Regina Nicham, Leiterin Arbeits- und Organisationspsychologie beim Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung, beschreibt die Folgen konkret: „Ich mache mehr Fehler, kann mich nicht mehr gut konzentrieren, brauche länger als üblich.“ Das bedeutet: Konzentrationsverlust, höhere Fehlerhäufigkeit, Leistungsabfall sowie dadurch auftauchende Konflikte und fehlende Erholung mindern die Produktivität, obwohl jemand formal anwesend ist. Hier wird auch sichtbar, dass psychische Belastung kein Phänomen ist, das sich auf eine Einzelperson beschränkt: Müssen Kollegen Aufgaben übernehmen, steigen Druck und Unzufriedenheit auch im Umfeld. Auch Überstunden können ein Warnsignal sein: Wer erschöpft ist, braucht häufig länger und erholt sich schlechter.

Prävention als Investition

Gerade die Führungskultur spielt dabei eine entscheidende Rolle. 

Genau hier beginnt die wirtschaftliche Dimension von Prävention: Unternehmen investieren nämlich dann nicht „nur“ in Gesundheit, sondern auch in stabile Leistungsfähigkeit ihrer Teams. Die gute Nachricht: „Wir beobachten, dass das Interesse an Angeboten wie Burnout-Prävention oder psychischer Erster Hilfe für Führungskräfte gestiegen ist“, so Nicham, die ergänzt: „Eine wichtige Rolle spielt hier die sogenannte psychologische Sicherheit.“ Damit ist ein Umfeld gemeint, in dem Mitarbeitende sagen können, wenn etwas zu viel wird, oder Fehler passieren dürfen – und das, ohne negative Auswirkungen befürchten zu müssen. Ein Umfeld, in dem sich Mitarbeitende sicher genug fühlen, schwierige Situationen oder mentale Gesundheit ansprechen zu können, hat nicht nur positive Auswirkungen auf die gesamte Belegschaft. „Auch Unternehmen profitieren, wenn Menschen über längere Zeit gut und produktiv arbeiten können.“ Bei Familux ist das Thema Prävention schon seit Jahren fixer Bestandteil der Unternehmensphilosophie. Mitarbeitende werden regelmäßig zur psychischen Gesundheit befragt; seit fast sieben Jahren gibt es zudem einen Mentor für Mitarbeiterthemen. „Gerade die Führungskultur spielt dabei eine entscheidende Rolle“, so Reingruber. Sie sieht Arbeitgeber vor allem beim professionellen Umgang mit schwierigen Situationen und bei einer Führungskultur in der Verantwortung, die zuhört, nachfragt und ein Gespür für den Menschen hat. 

Hinschauen rechnet sich

Gerade wenn Budgets enger und wirtschaftliche Entwicklungen volatil werden, geraten Maßnahmen rund um Gesundheit, Teamentwicklung oder soziale Begegnung schnell unter Spardruck. Nicham warnt hier explizit vor einer zu kurzfristigen Rechnung. Wer etwa bei gemeinsamen Aktivitäten spart, könne später höhere Kosten durch Konfliktmoderationen, Teamcoachings oder Produktivitätsverluste haben. „Prävention lässt sich nicht immer unmittelbar beziffern – die Folgekosten von Nichtstun werden dafür oft umso sichtbarer.“ In Sachen Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten von Fachkräftemangel wird der Blick auf das Thema besonders interessant: Unternehmen, die psychische Gesundheit ernst nehmen, können bei Mitarbeiterbindung und Arbeitgeberattraktivität punkten. Wird psychische Gesundheit also immer mehr zum Wirtschaftsfaktor? Absolut. Unternehmen, die genau das erkennen und früh die richtigen Weichen stellen, können langfristige Ausfälle und Produktivitätsverluste eher verhindern und ihre Mitarbeitenden und Teams stärken. 

 

Aus dem Magazin forum.ksv - Ausgabe 03/2026.