Wirtschaftsentwicklung runter, Zahlungsmoral bleibt – zumindest vorerst

Während sich die Geschäftslage in den vergangenen zwölf Monaten rückläufig entwickelt hat, bleibt das heimische Zahlungsverhalten laut aktuellem Austrian Business Check größtenteils auf Kurs. Noch, denn ein Abwärtstrend, nicht nur punkto Zahlungsmoral, wird seitens der heimischen Wirtschaft für das Jahr 2024 erwartet, wie mehrere Studien zeigen. 

Text: Markus Hinterberger

Geht es jetzt steil bergab? Mit dieser Frage beschäftigen sich nicht nur Wirtschaftsforscher seit geraumer Zeit. Klar ist: Blickt man auf die Ergebnisse verschiedenster Umfragen, Studien und Prognosen der vergangenen Monate, so wird im Großen und Ganzen überall ein ähnliches Bild gezeichnet. Mit dem Ergebnis, dass Österreich immer mehr unter wirtschaftlichen Druck gerät. Und das betrifft Unternehmen wie Privathaushalte gleichermaßen, wie etwa die jüngste Austrian-Business-Check-Umfrage des KSV1870 zeigt, die im vergangenen Oktober präsentiert wurde. Demnach bewerten nur noch 49 % der rund 1.400 befragten Betriebe ihre derzeitige Geschäftslage mit „sehr gut“ oder „gut“. Das entspricht einer Verschlechterung von acht Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Parallel dazu zeigt die Umsatzentwicklung der Unternehmen tendenziell nach unten: So ist der Anteil von Betrieben mit rückläufigen Umsätzen innerhalb eines Jahres von 19 % auf 31 % angewachsen. Im Gegensatz dazu berichten nur 35 % von einer steigenden Entwicklung – im Vorjahr war es noch rund jeder zweite Betrieb. „Die aktuellen Ergebnisse lassen nur wenig Gutes vermuten. Zudem beobachten wir, dass es für die Unternehmen immer schwieriger wird, die vorhandene Nachfrage in konkrete Aufträge umzumünzen. Hier gibt es einen Graben, der sich zwangsläufig negativ auf die Umsätze auswirkt“, erklärt Ricardo-José Vybiral, CEO der KSV1870 Holding AG. Dazu passend die Konjunktureinschätzungen von Unternehmen, die laut Konjunkturtest des WIFO (Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung) vom Oktober 2023 mehrheitlich pessimistisch ausfallen.

Unternehmen mit Kopfschmerzen. 

Es ist somit wenig überraschend, dass die angespannte Kostensituation den meisten Betrieben das größte Kopfzerbrechen bereitet. Es folgen „politische Unsicherheiten“, die sich etwa in neuen Richtlinien bzw. gesetzlichen Einschränkungen oder der innenpolitischen Lage manifestieren, und der akute Personalmangel. Dass der Konjunkturabschwung auf den Arbeitsmarkt durchschlägt, zeigt das WIFO: Zwar nahm die Zahl der unselbstständig aktiv Beschäftigten im Oktober 2023 gegenüber dem Jahr 2022 zu, gleichzeitig stieg jedoch auch die Zahl der Arbeitslosen. Demnach betrug die Arbeitslosenquote laut WIFO und dem Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft im vergangenen Oktober nach nationaler Definition 6,3 %.  

Auftragslage schrumpft bei der Hälfte der Unternehmen. 

Zwar sind die Auftragsbücher zur Stunde noch halbwegs gefüllt, doch das sieht im Jahr 2024 wohl ganz anders aus. 

Wie aus der KSV1870 Umfrage weiters hervorgeht, sahen sich zuletzt 81 % der Betriebe gezwungen, steigende Preise aufgrund der deutlich höheren Kosten zumindest teilweise an ihre Konsumenten weiterzugeben. 22 % taten dies sogar in vollem Ausmaß. Mit der Folge, dass sich die Auftragslage bei rund der Hälfte der Betriebe verschlechtert hat. Während 30 % von einem geringeren Auftragsvolumen sprechen, verzeichnen 17 % eine geringere Anzahl an Aufträgen. Weitere 7 % haben Faktoren wie die Stornierung bereits fixierter Aufträge oder die Nachverhandlung von Preisen erwähnt. „Ganz besonders der Handel, die Bauwirtschaft und die Gastronomie/Beherbergung haben mit einer stark rückläufigen Auftragslage zu kämpfen. Dabei bereitet vor allem die Situation am Bau große Sorgen. Zwar sind die Auftragsbücher zur Stunde noch halbwegs gefüllt, doch das sieht im Jahr 2024 wohl ganz anders aus“, so Vybiral. Eine ähnliche Einschätzung gab auch das WIFO unlängst ab: Demnach sank die gesamtwirtschaftliche Produktion im dritten Quartal 2023 um 0,6 % gegenüber dem Vorquartal und war damit um 1,2 % niedriger als im Jahr 2022. „Angesichts der Gesamtsituation war es nur eine Frage der Zeit, bis die Zahl jener Unternehmen sinkt, die ein Geschäftsjahr mit Gewinn abschließen. Dieser Moment ist nun erreicht“, so Vybiral. Während im Jahr 2021 noch 63 % bzw. im Vorjahr 62 % positiv resümierten, sind es heuer 56 %. 

Konsumenten geraten immer häufiger unter Druck.

Eines zeigt der Austrian Business Check des KSV1870 deutlich: Der finanzielle Spielraum vieler Privathaushalte wird kleiner. Im Vergleich zum Vorjahr kauft rund die Hälfte der Privaten (51 %) weniger ein bzw. gibt weniger Geld aus. Darüber hinaus ist es für 53 % der Betriebe zuletzt schwieriger geworden, Konsumenten zum Zahlen zu bewegen. „Die vergangenen Jahre waren nicht einfach, und die Schwierigkeiten sind nach wie vor allgegenwärtig. Immer mehr Private haben damit zu kämpfen, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Zwar gehen die Haushaltsrechnungen aktuell mehrheitlich noch auf, doch die Unternehmen müssen schon jetzt Rechnungen häufiger nachlaufen als noch vor einem Jahr“, so Walter Koch, Geschäftsführer der KSV1870 Forderungsmanagement GmbH. Passend dazu: Wie die Statistik Austria berichtet, hätten sich zwar zuletzt die Preisanstiege insbesondere bei Nahrungsmitteln und Möbeln abgeschwächt, eine Teuerung der Lebensmittel von 7,2 % steht im Oktober 2023 dennoch zu Buche – auch wenn der Anstieg geringer ausfällt als im Vormonat (8,4 %). Weiters zeigten unter anderem auch die Preise für Wohnung, Wasser, Energie und Restaurants zuletzt nach oben. 

Aktuell: Gutes Zahlungsverhalten besteht weiterhin.

Quer über alle Branchen hinweg wird in Österreich aktuell jede sechste Rechnung zu spät bezahlt.

Wie der Austrian Business Check belegt, attestieren nach wie vor 66 % der Betriebe (2022: 70 %) Österreich ein gutes Zahlungsverhalten. Doch das sind um zehn Prozentpunkte weniger als noch vor zwei Jahren. Parallel dazu ist in den vergangenen beiden Jahren der Anteil jener angewachsen, die eine Verschlechterung erkennen – und zwar von 7 % auf 18 %. „Quer über alle Branchen hinweg wird in Österreich aktuell jede sechste Rechnung zu spät bezahlt“, erklärt Koch. Was den Faktor Pünktlichkeit betrifft, hat sich der Bund (78 % zahlen pünktlich) um fünf Prozentpunkte und die Länder (78 %) um einen Prozentpunkt verschlechtert. Während sich die Privaten (88 %) auf Vorjahresniveau bewegen, haben sich sowohl Firmenkunden (79 %) als auch die Gemeinden (85 %) geringfügig um jeweils einen Prozentpunkt verbessert. 

Wenn es um die tatsächliche Zahlungsdauer geht, haben sich die Firmenkunden um einen Tag auf 26 Tage verschlechtert und die Länder (33 Tage) um einen Tag verbessert. Private mit 13 Tagen, der Bund (34 Tage) und die Gemeinden (25 Tage) erreichten ihr Vorjahresergebnis. Heruntergebrochen auf die einzelnen Bundesländer, verzeichnen sowohl bei den Firmen- (31 Tage) als auch bei den Privatkunden (16 Tage) die Tiroler die längste Zahlungsdauer. Am schnellsten sind die Vorarlberger Firmen (24 Tage) und Privatpersonen aus der Steiermark mit elf Tagen. 

KSV1870 Infografik Austrian Business Check Zahlungsmoral in Österreich 2023

Kommt 2024 die große Verschlechterung? 

All das scheint jedoch nur die „Ruhe vor dem Sturm“ zu sein – sowohl was das heimische Zahlungsverhalten betrifft als auch generelle wirtschaftliche Entwicklungen. Denn nach ihrer Prognose für das Jahr 2024 befragt, haben 43 % der Unternehmen im Rahmen der KSV1870 Umfrage geantwortet, dass sie eine Verschlechterung der Zahlungsmoral erwarten. Abhängig davon, wie sich die finanzielle Situation von Unternehmen und Privaten in den kommenden Monaten entwickeln wird – und diese dürfte nicht nur laut KSV1870 Experten aus heutiger Sicht wenig rosig ausfallen. 

Das zeigt auch eine gemeinsame Erhebung von Statistik Austria und dem Institut für Höhere Studien (IHS) im Oktober 2023 mit Fokus auf die österreichischen Privathaushalte. Demnach haben 32 % der Befragten angegeben, bereits jetzt, innerhalb der vergangenen zwölf Monate, Einkommensverluste erlitten zu haben. Im Vergleich zum Vorjahr hat die Zahl zwar leicht abgenommen, dennoch sind die finanziellen Verluste spürbar. Hauptursache der wahrgenommenen Einkommensverluste ist weiterhin die hohe Inflation – auch wenn diese laut Statistik-Austria-Generaldirektor Tobias Thomas im vergangenen Oktober bei 5,4 % lag und damit den niedrigsten Wert seit Jänner 2022 erreicht habe. Um die dennoch vorhandenen Verluste auszugleichen, sparten die Befragten unter anderem bei den Ausgaben für Nahrung, Kleidung und anderen Waren und Dienstleistungen. Und diese Entwicklung dürfte sich auch im nächsten Jahr fortsetzen. Denn laut IHS erwartet in den kommenden zwölf Monaten jeder Vierte (teils weitere) Einkommenseinbußen. Auch wenn knapp 60 % hier keine Veränderung sehen, ist das alles andere als eine beruhigende Einschätzung. 

Genereller Ausblick durchwachsen.

Insgesamt ist die gesamtwirtschaftliche Erwartungshaltung für das Jahr 2024 eher negativ: „Nur 10 % blicken der künftigen Entwicklung positiv entgegen, während 60 % der Befragten eine Verschlechterung für die kommenden zwölf Monate erwarten“, so IHS-Studienautorin Claudia Reiter. Dabei wird vor allem auf potenzielle Zahlungsschwierigkeiten insbesondere in den Bereichen Miete, Wohnkredit, Wohnnebenkosten oder den Betriebskosten verwiesen. 

 

Inkasso-Lösung mit ESG-Faktor 
„Es ist zu erwarten, dass in absehbarer Zeit deutlich mehr Private mit Schulden zu kämpfen haben“, so Walter Koch. Um dieser Entwicklung vorzubeugen und Privatpersonen bereits möglichst frühzeitig zu helfen, ihre Verschuldungsspirale zu durchbrechen, hat der KSV1870 gemeinsam mit der Social City Wien eine neue Inkasso-Lösung entwickelt. „Wir beobachten im Inkasso schon länger eine Gruppe von Menschen, die zwar ihre Schulden bereinigen möchte, jedoch fehlen ihnen häufig die finanziellen Mittel dazu. Diesen Menschen wollen wir gezielt helfen“, erklärt Koch. Sind vorangegangene Inkasso-Maßnahmen ergebnislos geblieben, bringt mit Einwilligung der säumigen Zahler ein PSD2-Kontocheck des KSV1870 Klarheit darüber, wie der finanzielle Spielraum tatsächlich aussieht. Auf Basis dieses Kontochecks wird eine für beide Seiten akzeptable, schaffbare Zahlungsvereinbarung getroffen, oder die Betroffenen werden an die Social City Wien vermittelt. Dort angekommen, werden die Klienten durch eine respektvolle und zielorientierte Beratung unterstützt, um rasch den Weg aus der Schuldenfalle zu finden. „Für uns ist es wichtig, Menschen in prekären finanziellen Situationen auf Augenhöhe zu begegnen und sie lösungsorientiert auf ihrem Weg der Entschuldung zu begleiten. Nur so schaffen wir es, gemeinsam die ersten Schritte für eine nachhaltige Veränderung zu setzen“, so Richard Vrzal, Geschäftsführer der Social City Wien. Bei der Social City Wien handelt es sich um eine unabhängige österreichweit agierende Plattform für soziale und nachhaltige Entwicklung mit Sitz in Wien. Gemeinsam mit einem Netzwerk aus kommunalen und privaten Institutionen werden innovative Services entwickelt und Beratungs-Know-how aufgebaut. „Sustainable Collection“ ist aber nicht nur für Private interessant, sondern auch für Unternehmen, die das Thema Environmental Social Governance (ESG) auf ihrer Agenda haben. Denn mit dieser Lösung verpflichten sich die Betriebe zu einer sozialorientierten Forderungsbetreibung. Mehr Informationen hier.

 

 Aus dem KSV1870 Magazin forum.ksv - Ausgabe 4/2023.