Vintage-aussehende Europakarte mit Fokus auf Osteuropa

Wirtschaftswunder Osteuropa: Vergangenheit oder Gegenwart?

Die marktwirtschaftliche Erschließung Mittel- und Osteuropas (MOE) gilt als Erfolgsgeschichte, von der ganz besonders Österreich stark profitiert hat. Unklar ist jedoch, ob und wie sie weitergeschrieben wird. Und wie sieht die Situation in Asien aus? 

Text: Raimund Lang

Wirklich undurchdringlich dicht waren die Grenzen gegen Osten ja nie. Auch während des Kalten Krieges gab es Handelsverkehr zwischen Ost und West – zwar in überschaubarem Ausmaß, aber immerhin. Doch mit dem Fall des Eisernen Vorhanges im Jahr 1989 „ist zusammengewachsen, was zusammengehört“, wie es Arnold Schuh, Direktor des Kompetenzzentrums für Emerging Markets & Mittel- und Osteuropa an der Wirtschaftsuniversität Wien, ausdrückt. Österreich konnte aufgrund seiner günstigen geografischen Lage die Entwicklung aus der ersten Reihe nicht nur mitverfolgen, sondern auch mitprägen. Insbesondere seit dem im Jahr 1995 vollzogenen EU-Beitritt haben heimische Unternehmen im Osten stark mitgemischt. Versicherer wie die Vienna Insurance Group oder die etwas kleinere Uniqa haben den Weg über die Grenzen sehr früh gewagt und sind heute als wesentliche Player in zahlreichen MOE-Staaten fest verankert. Solchen Erfolgen stehen allerdings auch harte Bauchlandungen gegenüber. So hat sich die Handelskette Baumax im Osten übernommen und konnte in der Folge den Konkurs nicht abwenden. Auch die Erste Bank erinnert sich wohl eher ungern an ihren Ausritt in die Ukraine.

Wachstum durch Akquisition. 

Insgesamt gilt das Abenteuer Osten jedoch einhellig als ein gelungenes. Vergleicht man die österreichischen Außenhandelsdaten dieses Jahrtausends, so ergibt sich tatsächlich ein überzeugendes Bild: Von 2001 bis 2022 erhöhte sich das Volumen der Warenexporte von 74,3 Milliarden auf fast 195 Milliarden Euro, also um den Faktor 2,6. Vergleicht man damit die Entwicklung der Exporte in ausgesuchte Länder im selben Zeitraum, so zeigt sich teilweise überdurchschnittliches Wachstum. Beispielsweise stiegen die Exporte nach Polen um den Faktor 6, nach Tschechien um den Faktor 3,3, nach Slowenien um den Faktor 3,8 und nach Rumänien um den Faktor 5,5. Natürlich ist der Export nur ein Aspekt der Beurteilung volkswirtschaftlicher Erfolge. Doch historisch gesehen waren die Märkte im Osten zuerst einmal Absatzmärkte für Banken, Versicherer und den Handel. Markteintritt und Wachstum wurden in erster Linie durch Akquisition realisiert. Erst später wusste die Industrie das Lohngefälle gegenüber den neuen Ländern zu nutzen und verlagerte oftmals Produktionsstätten dorthin. Außenhandel und Direktinvestitionen waren laut Wirtschaftswissenschaftler Fritz Breuss die beiden Säulen des österreichischen Erfolgs im Osten. Viel zitiert wurden und werden seine Berechnungen, wonach die Ostöffnung in einem jährlichen Anstieg von 0,2 % des Bruttoinlandsproduktes bzw. einem jährlichen Wirtschaftswachstum zwischen 0,5 und 1 % resultiere. Außerdem seien rund 100.000 bis 150.000 neue Arbeitsplätze in Österreich direkt dem Wachstum im Osten zu verdanken.

Schwierige Prognosen. 

Trotz dieser wohlwollenden Narrative von Österreich als uneingeschränktem Osteuropa-Profiteur liegt eine seltsame Unwägbarkeit über dem Themenkomplex Mittel- und vor allem Osteuropa. Und das hat nicht nur mit den drei großen Krisen der jüngeren Vergangenheit zu tun – der Finanzkrise von 2009, der Corona-Krise, beginnend im Jahr 2020, und dem Ukraine-Krieg seit dem Vorjahr –, die immer dann, wenn es am schönsten war, eine unverdauliche Dosis Salz in die Suppe geschüttet haben. Es dürfte vielmehr zum Wesen dieser Märkte gehören, dass Prognosen noch unsicherer sind, als es ohnehin immer der Fall ist. Dass gute Nachrichten stets ein wenig Skepsis einfordern und schlechte Nachrichten immer mit einer Prise Weltuntergangsstimmung einhergehen. Und schließlich steht da die zaghafte Frage: „Wie wird es weitergehen?“ Auch die Wirtschaftsforscher geben unterschiedliche, teils widersprüchliche Einschätzungen ab. Jedes „Ja“ ist ein „Ja, aber“, jedes „Nein“ ein „Nein, außer“, und Prognosen können schneller veralten, als man glaubt. So stellte das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) den EU-Mitgliedern Mittel-, Ost- und Südeuropas noch im Oktober des Vorjahres ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 3,8 % für das Jahr 2023 in Aussicht, jenen des Westbalkans eines von 3,1 %. Sechs Monate später korrigierten sie diese Prognose auf 1,2 % für die EU-Staaten, was immerhin noch mehr als dem Doppelten des Wachstums in der Eurozone (0,5 %) entspricht, und auf 1,9 % für den Westbalkan. Es scheint so, als änderten sich die Umstände jenseits der Grenzen besonders schnell. Viele der aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten hängen mit dem Ukraine-Krieg und den daraus resultierenden Effekten zusammen, wie etwa steigenden Energiekosten. Es zeigt sich, dass Europa, vom Atlantik bis an die asiatische Grenze, ein komplexes und empfindliches Netzwerk bildet. Insbesondere die Rezession in Deutschland reißt viele Länder mit nach unten, wenngleich längst nicht alle im gleichen Ausmaß. Keinen Grund zur Freude hat derzeit Ungarn, traditionell einer der wichtigsten Handelspartner Österreichs. Kein anderer EU-Staat leidet aktuell so stark unter der Inflation. Mit einem prognostizierten Wachstum von 0,6 % für das Jahr 2023 performen die Visegrád-Staaten auch als Gruppe unterdurchschnittlich. Eine wesentlich positivere Diagnose stellen die Wirtschaftsforscher des wiiw hingegen Kroatien mit 2,5 % und Rumänien mit satten 3 % Wachstum im laufenden Jahr.

EU-Erweiterung? 

Die Erschließung neuer Märkte in Mittel- und Osteuropa ist untrennbar mit der Entwicklung der Europäischen Union zu einem gesamteuropäischen Wirtschaftsraum verbunden. Neue Mitglieder, neue Chancen – so die nicht unplausible Logik. Auf der Warteliste für einen EU-Beitritt stehen neben der Türkei, der Republik Moldau und der Ukraine derzeit auch die sechs Staaten des Westbalkans. Von diesen haben Albanien, Nordmazedonien, Montenegro und Serbien bereits den Status eines Beitrittskandidaten. Bosnien und Herzegowina und Kosovo gelten derzeit lediglich als potenzielle Kandidaten. In Summe umfassen die Westbalkan-Staaten rund 17,2 Millionen Einwohner, was einem Anteil von 3,8 % an der derzeitigen EU-Bevölkerung entspricht. Zum Vergleich: Die erste EU-Osterweiterungsrunde im Jahr 2004 brachte 73,4 Millionen neue EU-Bürger, die zweite Runde von 2007 brachte 25,4 neue EU-Bürger. Als Absatzmarkt ist der Westbalkan deshalb von geringerer Bedeutung. Große westliche Player, die bereits in den Nachbarstaaten aktiv sind, werden jedoch nicht umhinkommen, auch dort Präsenzen aufzubauen. Das bietet Chancen für Zulieferer.

Überschaubare Hoffnungsschimmer. 

Bei den ausgeschriebenen Preisen werden österreichische Unternehmen nicht mithalten können.

Als große Hoffnung galt bis vor einigen Jahren die Republik Moldau. Doch Korruption und wirtschaftlicher Abschwung haben diese längst zerstreut. Zuletzt musste das Land einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von 5,9 % hinnehmen. Die Bevölkerung schrumpft kontinuierlich um rund 1 % pro Jahr, und die Lebenserwartung liegt bei mageren 69 Jahren. Wohin kann ein expandierwilliges KMU heute sonst noch blicken? Selbst wenn man den für die Weltpolitik typischen Zynismus ins Kalkül zieht, wonach die Feinde von heute morgen schon wieder die besten Freunde sein können, bleibt Russland wohl auf absehbare Zeit ein Land non grata. Dasselbe gilt für Belarus, das neben seinem Makel, als Vasallenstaat Russlands zu gelten, wirtschaftlich praktisch am Ende ist. Außer Zweifel steht, dass es nach dem Ende des Ukraine-Krieges jede Menge Bedarf an Wiederaufbau geben wird. Unter dem Schlagwort „Rebuild Ukraine“ bringen sich bereits jetzt zahlreiche Unternehmen in Stellung. Für österreichische Firmen könnte es allerdings mit der Konkurrenzfähigkeit schwierig werden, vermutet Arnold Schuh. „Bei den ausgeschriebenen Preisen werden österreichische Unternehmen nicht mithalten können“, meint er. „Aber mit lokalen Partnern in Ländern wie Polen, Rumänien oder der Türkei wird es Chancen geben.“ 

Einmal Asien und retour? 

Insbesondere die strengen Covid-Maßnahmen in China haben weltweit wirkende Lieferprobleme bzw. steigende Logistikkosten verursacht. Und China schwächelt nach wie vor. Im Vorjahr lag das Wirtschaftswachstum bei 2,99 %. Für 2023 strebt die chinesische Regierung ein Wachstum von 5 % an. Ausgang ungewiss. Denn der Einkaufsmanagerindex (EMI) für China kam seit zwei Jahren nicht mehr nachhaltig über die 50-Punkte-Grenze, was als Rückgang der Produktion interpretiert wird. Als Reaktion darauf denken bereits etliche Unternehmen lautstark ein „Reshoring“ an, also ein Zurückholen der Produktion und damit eine Verringerung der Abhängigkeit von Lieferketten aus Asien. Das Beratungsunternehmen McKinsey meinte zwar bereits im Jahr 2020 einen Trend zu erkennen und vermutete, dass bis 2025 ein Viertel aller weltweiten Lieferketten verlagert werden könnte. Davon umgesetzt wurde jedoch nur rund ein Drittel, wie eine Vergleichsstudie ein Jahr später aufgezeigt hat.

Vorteile von Reshoring. 

Durch die Verkürzung von Lieferketten sinkt die Abhängigkeit von politisch und ökonomisch schwer kalkulierbaren Ländern. Zudem hätte Reshoring den Charme, Europa zu reindustrialisieren, also die „Old Economy“ zumindest teilweise wieder in Amt und Würde zu setzen. Andererseits erfordert Reshoring erst einmal gewaltige Investitionen, um Fertigungskapazitäten und Logistikinfrastrukturen aufzubauen, die jahrzehntelang ausgelagert waren. Das ifo Institut hat in einer Studie verschiedene mögliche Auswirkungen von Reshoring bzw. Nearshoring auf die Volkswirtschaft Deutschlands durchsimuliert. Dabei kommt es zu dem ernüchternden Ergebnis, dass – je nach konkretem Szenario – mit einem Rückgang des BIP um fast 10 % zu rechnen wäre. Auch eine Studie der Generaldirektion der Europäischen Kommission meint, dass „Erwartungen an Reshoring im großen Stil unrealistisch“ seien. Gleichzeitig sei Reshoring jedoch eines von mehreren Instrumenten, um die Versorgungssicherheit mit kritischen Gütern sicherzustellen. Wozu insbesondere medizinische Produkte zählen, aber auch Energie oder moderne Computerchips. Aber: Nicht jede Branche ist gleichermaßen für Reshoring geeignet. Die naheliegendsten Kandidaten für die Rückbesinnung auf die Heimat sind deshalb Branchen mit hohem Automatisierungs- und Digitalisierungsgrad. Ob sich daraus ein Massenphänomen entwickelt, bleibt abzuwarten.

 

Aus dem KSV1870 Magazin forum.ksv - Ausgabe 3/2023.