Österreichs Gründerszene im Lokalaugenschein. Was hat sich verändert, was hat sich verbessert, und was ist heute schwieriger als vor zehn Jahren.
Text: Julia Gerber
„Ich habe ein hippes Café aufgemacht. Jetzt ist das ein Start-up.“ Der Begriff „Start-up“ etablierte sich in unseren Breitengraden in den 1990er- und 2000er-Jahren rasch als Modewort. Viele Jungunternehmen bezeichneten sich plötzlich als Start-up, obwohl die Definition laut „Austrian Startup Monitor“, der wichtigsten jährlichen Studie zur heimischen Gründerszene, eindeutig ist:
„Startups sind Unternehmen, die jünger als zehn Jahre sind mit (hoch)innovativen Produkten, Dienstleistungen, Technologien oder Geschäftsmodellen und ein signifikantes Mitarbeiter:- oder Umsatzwachstum erleben bzw. anstreben.“
Damit steht fest, wie Start-ups zu definieren sind. Aber wie haben sie sich im Laufe der Jahre verändert? Ein Faktencheck zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Strukturwandel in der Start-up-Szene.
Wir beobachten ein steigendes Interesse internationaler Investoren am österreichischen Markt.
Österreichische Start-ups denken heute internationaler als zu Beginn der 2010er-Jahre. Damals wurde in erster Linie Wachstum in Österreich oder im DACH-Raum vorangetrieben, heute ist die Erschließung globaler Märkte oft direkter Bestandteil der Strategie. Laut „Austrian Startup Monitor“, der gemeinsam vom AIT Austrian Institute of Technology und dem WU Gründungszentrum erstellt wird, liegt der durchschnittliche Auslandsumsatz mittlerweile bei 42 %. 80 % der Start-ups planen eine weitere Internationalisierung. Das bewertet Investor und Ex-Gründer Gerald Pollak positiv. Er gründete 2022 das Start-up blocktorch, eine Beobachtungs- und Analyseplattform für dezentrale Anwendungen (Web3), die er mittlerweile verkauft hat. „Wir beobachten ein steigendes Interesse internationaler Investoren am österreichischen Markt. Das Land wird heute deutlich stärker wahrgenommen als noch vor einigen Jahren“, so Pollak. Als Beispiele nennt er die jüngsten Übernahmen von OpenClaw durch OpenAI und Emmi AI durch Mistral AI.
Mehr Internationalität und KI.
Interessant ist auch, dass Gründungsteams immer internationaler werden: 17 % stammen aus dem Ausland, während der weltweite Wettbewerb um Entwickler, KI-Experten und andere Spezialisten weiter zunimmt. Hybride Strukturen und „Remote first“-Konzepte haben klassische Büros abgelöst oder ergänzt. Dennoch rekrutieren Start-ups heute mit Bedacht: Künstliche Intelligenz ermöglicht es, mit deutlich kleineren Teams zu skalieren. Generell hat KI einiges auf den Kopf gestellt und die Struktur vieler Start-ups verändert: 84 % nutzen KI bereits in internen Prozessen, 70 % in der Produktentwicklung. Mehr als jedes zweite Start-up hat KI direkt in sein Angebot integriert.
Gleichzeitig bleibt festzuhalten: Heute müssen deutlich mehr regulatorische Anforderungen berücksichtigt werden als noch vor 15 Jahren. Dazu zählen vor allem DSGVO, Nachhaltigkeitsanforderungen inklusive Reporting, KI-Regulierung (AI Act) und Cybersecurity.
Wo Österreichs Start-ups zu Hause sind.
Vor zehn bis 15 Jahren dominierten oft Apps, Plattformen und E-Commerce-Modelle. Das ist heute nicht mehr der Fall, dennoch blieb die starke Technologieorientierung der heimischen Start-up-Szene unverändert. 71 % entwickeln Schlüsseltechnologien, also Technologien, die Innovationssprünge in verschiedenen Branchen ermöglichen. Dazu gehören etwa KI und Dateninnovation, Energie- und Umwelttechnologien sowie Life Sciences. 12 % aller Startups sind dem Deep-Tech-Sektor zuzurechnen: Sie entwickeln forschungsintensive Technologien mit dem Potenzial, ganze Branchen grundlegend zu verändern.
Die Branchen Bekleidung/Textil, Konsumgüter und Nahrungsmittel sowie Energie und Mobilität machen jeweils rund 7 % aus. 28 % können als Manufacturing Start-ups klassifiziert werden. Das bedeutet, sie stellen Produkte selbst her bzw. lassen diese von Dritten herstellen. Der Anteil der Green oder Social Impact Start-ups betrug 2014 bis 2016 nur 13 %, zwischen 2023 und 2025 waren es bereits 31 %. Zudem entstanden in den vergangenen Jahren immer mehr akademische Spin-offs – aktuell können 23 % als solche klassifiziert werden.
Ziele im Wandel der Zeit.
Die Krisenjahre haben einen klaren Shift hin zu mehr Effizienz und Profitabilität gebracht.
Die Anforderungen an Geschwindigkeit, Performance und Skalierung sind zuletzt massiv gestiegen. Während vor zehn bis 15 Jahren die Zielsetzung „solides Wachstum“ war, wird heute in vielen Fällen das primäre Ziel verfolgt, Geschäftsmodelle rasch international und nachhaltig zu skalieren. „Die Krisenjahre haben einen klaren Shift hin zu mehr Effizienz und Profitabilität gebracht“, sagt Hannah Wundsam, CEO von Austrian Startups. „Bis etwa 2021 haben wir einen starken Fokus auf Wachstum um jeden Preis gesehen, während andere Metriken kaum eine Rolle spielten. Das hat sich grundlegend geändert“, so die Expertin. Unverändert geblieben sei hingegen der Anspruch, konkrete Probleme zu lösen, für die es noch keine gute Lösung gibt. Hinzu kommt ein stärkeres Bewusstsein für gesellschaftliche Wirkung: Mittlerweile verfolgen 62 % der österreichischen Gründer soziale oder ökologische Ziele.
Schwierigeres Finanzierungsumfeld.
Vor fünf Jahren war die Start-up-Finanzierung noch deutlich einfacher. Heute ist Kapital teurer, die Due Diligence umfangreicher, und Investoren achten stärker auf Cashflow und nachhaltiges Wachstum. „Außerhalb hochkomplexer Forschungsfelder sind die Eintrittsbarrieren für neue Produkte stark gesunken. Produkte können schneller entwickelt, getestet und iteriert werden als jemals zuvor. Wer schnell lernt und sich anpasst, gewinnt“, so Pollak, der ergänzt: „Galt lange Zeit ein jährliches Umsatzwachstum um den Faktor drei als Benchmark, erwarten VCs heute teilweise Wachstumsraten vom Sieben- bis Zehnfachen bei Jungunternehmen.“
Förderstellen wie die AWS und die FFG zählen weiterhin zu wichtigen Geldgebern für heimische Start-ups, haben ihre Programme jedoch zunehmend auf forschungsintensive, technologische und grüne Innovationen ausgerichtet. Private Risikokapitalgeber, insbesondere im Venture-Capital-Umfeld, orientieren sich heute laut Pollak stärker am Power-Law-Prinzip: Ein kleiner Teil der Unternehmen zieht einen immer größeren Anteil des verfügbaren Kapitals an. „Bei 3VC investieren wir mit einem langfristigen Horizont. Entscheidend ist die Qualität der Teams. Dazu gehören Motivation, Ehrgeiz, Lernfähigkeit, Umsetzungsstärke und Dringlichkeit sowie die Größe und Zukunftsfähigkeit des adressierten Marktes“, so Pollak.
Start-up-Erfolg im Jahr 2026.
„Österreich ist ein spannender Test- und Einstiegsmarkt. Wer jedoch wirklich erfolgreich sein will, braucht eine Vision, die über die eigenen Landesgrenzen hinausgeht“, so Wundsam. Sie rät, von Tag eins an europäisch zu denken – auch wenn dies den Unternehmen aufgrund von Bürokratie nicht leicht gemacht werde. Deshalb brauche es in ihren Augen jetzt Initiativen wie die EU-Inc: eine neue, europaweite Rechtsform, die die Nutzung des europäischen Binnenmarkts von Anfang an vereinfacht.
Entscheidend für den Erfolg, unabhängig von der Branche, sind Marktzugang, Kundenkontakte, Fachwissen und eine klare Wettbewerbsstrategie. Hinzu kommen strategische Partnerschaften und eine starke Vernetzung in relevanten Communitys.
Internationale Hotspots.
Von Österreich aus wird oft neidisch auf die USA geblickt, da dort die wertvollsten Start-ups aller Zeiten zu Hause sind. Im aktuellen „Global Startup Ecosystem Report“ gelten San Francisco, New York und Boston als führende Hotspots. Asien holt jedoch auf: Beijing, Shanghai und Bengaluru konnten ihre Positionen in den globalen Rankings zuletzt deutlich verbessern. In Europa hat sich Paris zu einem der dynamischsten Start-up-Standorte entwickelt. Die Stadt profitiert von milliardenschweren Investitionen in KI und digitale Infrastruktur. Doch auch in Deutschland nahm die Gründungsdynamik zuletzt spürbar zu: Die Zahl der Start-up-Neugründungen stieg 2025 um knapp 30 %. Pollak beobachtet jedenfalls einen stärkeren europäischen Selbstanspruch: „Viele Gründer wollen heute bewusst europäische Technologieführer aufbauen und zur technologischen Souveränität Europas beitragen.“
| Start-Ups in Österreich |
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| Seit 2014 wurden in Österreich mehr als 3.600 Start-ups gegründet. Sie gelten als Schlüssel für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft unseres Landes. Seit dem Gründungsboom 2021 stagniert die Zahl der Neugründungen. |
Aus dem Magazin forum.ksv - Ausgabe 02/2026.