Österreich sucht Fachpersonal und verliert zugleich Lehrlinge und Ausbildungsbetriebe. Warum die Lehre im Kampf gegen den Personalmangel wieder an Bedeutung gewinnt.
Text: Markus Mittermüller
Wer heute qualifizierte Arbeitskräfte sucht, braucht vor allem eines: Geduld. Laut aktuellem Austrian Business Check des KSV1870 fällt es neun von zehn österreichischen Unternehmen schwer, geeignetes Personal zu finden. Drei Viertel der Betriebe besetzen frei werdende Stellen nicht vollständig nach. Der Fachkräftemangel zählt für viele Unternehmen zu den größten aktuellen Herausforderungen.
Strukturelles Defizit.
Eine mögliche Antwort darauf hat in Österreich lange Tradition: die Lehrlingsausbildung. „Die Lehre ist einer der wichtigsten Hebel zur Bekämpfung des Fachkräftemangels“, sagt Marlis Riepl vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw). Die Zahlen unterstreichen das. Laut Fachkräfteradar 2026, einer Unternehmensbefragung des ibw zum Fachkräftebedarf, haben 62 % der vom Fachkräftemangel betroffenen Betriebe häufig Schwierigkeiten, Mitarbeiter mit Lehrabschluss zu finden. Bei Fachhochschulabschlüssen sind es lediglich 10 %, bei Universitätsabschlüssen 7 %. Gleichzeitig befindet sich sowohl die Zahl der Lehranfänger als auch jene der Lehrbetriebe laut aktuellem ibw-Bericht auf einem Tiefststand. Dem stehen eine steigende Zahl an Lehrstellensuchenden und eine gestiegene Jugendarbeitslosigkeit gegenüber. Riepl sieht darin auch ein strukturelles Problem, weshalb Jugendliche und Betriebe nicht immer zueinanderfinden.
Konkurrenz um den Nachwuchs.
Ein Grund liegt in veränderten Bildungsentscheidungen. Seit Jahren zieht es mehr Jugendliche in weiterführende Schulen. Riepl führt das auch auf die starke gesellschaftliche Aufwertung akademischer Bildung zurück. Das habe dazu beigetragen, dass die Lehre an Ansehen verloren habe. Studium und Lehre gegeneinander auszuspielen wäre für Riepl der falsche Weg: „Wir brauchen die qualifizierten Fachkräfte, die ein Handwerk erlernt haben. Wir brauchen aber genauso Akademiker.“ Entscheidend sei ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen den Bildungswegen. Dabei mangelt es offenbar nicht grundsätzlich an der Bereitschaft der Unternehmen zur Ausbildung. 53 % der Betriebe würden laut Fachkräfteradar sicher oder möglicherweise mehr Lehrlinge aufnehmen, wenn sie genügend geeignete und interessierte Jugendliche fänden. Unter jenen Unternehmen, die bereits ausbilden, sind es fast 70 %.
Fachkräfte selbst ausbilden.
Umso wichtiger werde eine frühere und bessere Berufsorientierung. Gerade an Gymnasien komme die Lehre häufig zu kurz. Gleichzeitig haben sich die Möglichkeiten erweitert: Lehre mit Matura, Meisterprüfung oder ein späteres Studium machen Bildungswege zunehmend durchlässig. „Auch mit einer Lehre gibt es sehr gute Ausbildungs- und Karriereperspektiven“, betont Riepl. Wie das funktionieren kann, zeigt der Kältetechnikspezialist Hauser. Das Unternehmen bildet in Österreich aktuell rund 50 Lehrlinge in sieben Berufen aus – allein heuer haben 16 neue Lehrlinge begonnen. In technischen Bereichen investiert das Unternehmen besonders intensiv in zusätzliche Schulungen und Berufsschulzeiten. Warum sich das Unternehmen diesen Aufwand leistet, beantwortet Ausbildungsleiter Rupert Danninger pragmatisch: „Wenn wir zehn Jahre keine Lehrlinge ausbilden, haben wir keine Leute mehr.“ Die Ausbildung selbst sei kurzfristig keineswegs profitabel. Arbeitskleidung, Werkzeug, Schulungen und intensive Betreuung kosten Geld und Zeit. Das Unternehmen investiere trotzdem bewusst, weil die Lehrlinge die Facharbeiter von morgen seien.
Stabile Karriereleiter.
Die Loyalität zum Unternehmen ist ganz anders, wenn du dort lernst, ordentlich behandelt wirst und dort deinen Weg machst.
Viele ehemalige Lehrlinge entwickeln sich intern weiter – bis in technische Führungsfunktionen und die Geschäftsleitung. Damit entwickeln Unternehmen Fachkräfte mit genau jenem Know-how, das sie selbst benötigen. Hinzu kommt die Bindung an den Betrieb. Danninger verweist auf Beschäftigte, die bei Hauser gelernt haben und Jahrzehnte später noch dort tätig sind: „Die Loyalität zum Unternehmen ist ganz anders, wenn du dort lernst, ordentlich behandelt wirst und dort deinen Weg machst.“ Allerdings reicht es heute nicht mehr, eine Lehrstelle auszuschreiben und auf Bewerbungen zu warten. Das Unternehmen geht auf Berufsmessen und in Polytechnische Schulen, um Jugendliche direkt anzusprechen. Aufmerksamkeit bringen auch Erfolge bei internationalen Berufsmeisterschaften. 2024 erhielt das Unternehmen den Staatspreis „Beste Lehrbetriebe – Fit for Future“.
Moderne Berufe statt Werkbank-Klischee.
Gleichzeitig verändert sich auch die Lehre selbst. Digitalisierung und Automatisierung halten längst Einzug in technische Berufe. In der Kältetechnik gehören Smartphones, Tablets und Laptops ebenso zum Arbeitsalltag wie Elektronik, Datensysteme oder digitale Steuerungen. Darauf reagiert auch der Staat. Mit dem Lehrberufspaket 2026 werden insgesamt 14 Lehrberufe modernisiert oder aktualisiert. Parallel dazu haben sich die Erwartungen junger Menschen an Ausbildung und Arbeitgeber verändert. Neben der fachlichen Ausbildung spielen eine gute Betreuung, Entwicklungsmöglichkeiten, Wertschätzung und ein positives Betriebsklima eine zunehmend wichtige Rolle. Für Ausbildungsbetriebe bedeutet das, dass die individuelle Betreuung der Lehrlinge stärker an Bedeutung gewinnt. „Gerade kleinere Betriebe stoßen dabei mitunter an zeitliche und personelle Grenzen. Umso wichtiger sind geeignete Unterstützungsangebote für Ausbildungsbetriebe sowie eine frühzeitige und praxisnahe Berufsorientierung“, so Riepl.
Strategiefrage.
Für Unternehmen bleibt eine strategische Entscheidung: Sie können versuchen, bereits ausgebildete Mitarbeiter auf einem engen Arbeitsmarkt zu finden, oder selbst in ihren Fachkräftenachwuchs investieren. „Wenn ich Fachkräfte morgen brauche, dann muss ich sie heute ausbilden“, so Riepl.
Aus dem Magazin forum.ksv - Ausgabe 03/2026.