Optimismus ja, Euphorie nein: Österreichs Wirtschaft im Realitätscheck

Die vergangenen Jahre waren von großen Unsicherheiten geprägt. Die Unternehmen hatten mit volatilen Märkten zu kämpfen und mussten kleinere Brötchen backen. Günther Fasching, Prokurist der KSV1870 Information GmbH, und Wilfried Drexler, Obmann des Fachverbandes UBIT in der Wirtschaftskammer Österreich, blicken der Realität ins Auge.  

Interview: Markus Hinterberger 

Pressefoto von Dr. Wilfried Drexler
Wilfried Drexler, Obmann Fachverband UBIT, Wirtschaftskammer Österreich

Wo sehen Sie aktuell die größten Probleme und Risiken in der heimischen Wirtschaft? 

Drexler: Der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Österreich ist ein zentrales Risiko. Die größte Herausforderung ist derzeit jedoch weniger eine einzelne Krise, sondern das Zusammenspiel mehrerer Belastungs- und Transformationsprozesse. Unternehmen stehen vor ökologischen, digitalen und geopolitischen Veränderungen – und müssen sich in einem wirtschaftlich angespannten Umfeld neu ausrichten. Im IMD World Competitiveness Ranking 2025 ist Österreich seit 2020 von Platz 16 auf Platz 26 abgerutscht. Bei Infrastruktur, Abgabenlast, Tempo von Genehmigungen und der Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte haben wir an Boden verloren. Zusätzlich steigt durch Regulierung und Cyberrisiken der Druck, besonders bei KMU. 

 

Pressefoto Günther Fasching
Günther Fasching, Prokurist KSV1870 Information GmbH

Der KSV1870 spricht täglich mit bis zu 1.000 Unternehmen. Von welchen Problemen hören Sie am häufigsten? 

Fasching: Auf der einen Seite wirken die Inflation, Personal- und Energiekosten bremsend, auf der anderen Seite nehmen geopolitische Entwicklungen eine zentrale Rolle ein. Im Bereich der Preisgestaltung ist häufig der Plafond erreicht, sodass neue Preissteigerungen nicht mehr weitergegeben werden können, da dies zulasten der Auftragslage gehen würde. Gleichzeitig werden aufgrund von höheren Zöllen internationale Absatzmärkte schwieriger zugänglich, und es zeigt sich, dass einzelne Märkte deutlich volatiler sind als noch vor einigen Jahren. Generell ist es notwendig, Märkte bewusst wahrzunehmen, um rechtzeitig auf Veränderungen reagieren zu können.  

 

Welche Auswirkungen haben jüngste Entwicklungen auf die Ratings der Unternehmen genommen?  

Die deutliche Mehrheit der Betriebe steht nach wie vor auf grundsoliden Beinen. 

Fasching: Die deutliche Mehrheit der Betriebe steht nach wie vor auf grundsoliden Beinen. Das zeigt sich auch daran, dass es heute mehr Unternehmen mit einer positiven Eigenkapitalquote gibt als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig haben sich viele Betriebe selbst ein striktes Risikomanagement auferlegt und ordnen den Kosten alles unter. Generell ist die Finanzdisziplin in den Unternehmen gestiegen. Nichtsdestotrotz gab es im Vorjahr um drei Prozentpunkte weniger Unternehmen als im Jahr 2019, die ein sehr geringes Ausfallrisiko aufweisen konnten. Eine Verschiebung in Richtung höherer Risikogruppen ist festzustellen, dennoch hält sich diese Entwicklung im Rahmen.  

Was braucht es, damit sich die Stimmung innerhalb der Wirtschaft wieder verbessert?  

Drexler: Wirtschaft lebt nicht nur von Zahlen, sondern vor allem von Vertrauen und Erwartungen. Aktuell zeichnet sich bereits eine leichte Verbesserung der Stimmung ab, das Konjunkturbarometer zeigt wieder nach oben. Entscheidend ist, dass Unternehmen Zuversicht in ihre eigene wirtschaftliche Situation gewinnen – denn nur wer Vertrauen hat, investiert, innoviert und schafft neue Arbeitsplätze. Und zudem braucht es verlässliche Rahmenbedingungen und weniger Reibungsverluste in Verwaltung, Förderung und Berichtspflichten. Ebenso wichtig sind Maßnahmen, die unsere digitale Souveränität und damit den Standort stärken. 

Die Wirtschaftsforschung spricht von einem Durchschreiten der Talsohle. Wie schätzen Sie die Lage ein?  

Fasching: Zusammengefasst würde ich die Stimmungslage als vorsichtig optimistisch bezeichnen. Dennoch ist die Handbremse häufig noch angezogen. Auch die Betriebe selbst erwarten, dass sich die Lage in absehbarer Zeit verbessert. Zwar sind wir noch weit weg von einer Euphoriewelle, doch vom leisen Optimismus sollte auch die Investitionsbereitschaft profitieren. In den vergangenen Jahren haben die Unternehmen vielfach nur dann investiert, wenn es unbedingt notwendig war – häufig mit der Intention, Bestehendes zu erhalten.  

Von „Resilienz schaffen“ ist in diesem Zusammenhang oft die Rede. Was verstehen Sie darunter, und was braucht es, damit Unternehmen möglichst resilient werden?  

Drexler: Unter Resilienz verstehen wir die Fähigkeit von Unternehmen, Krisen nicht nur zu überstehen, sondern gestärkt daraus hervorzugehen. Dazu gehört, flexibel auf Veränderungen zu reagieren, Risiken frühzeitig zu erkennen und sowohl organisatorisch als auch finanziell gut aufgestellt zu sein. Eine solide Liquidität, Rücklagen und ein umsichtiges Risikomanagement geben Sicherheit in unsicheren Zeiten. Ebenso wichtig ist die menschliche Resilienz: Motivierte, kreative und agile Teams sind entscheidend, um Herausforderungen erfolgreich zu meistern. 

Als Fachverband setzt sich UBIT für die Interessen der Unternehmer ein und positioniert sich als Partner. Wie helfen Sie den Unternehmen konkret?  

Drexler: Vertrauen bildet die Grundlage jeder erfolgreichen Geschäftsbeziehung. Die UBIT versteht sich als Partner der Unternehmen und begleitet sie praxisnah bei allen unternehmerischen Herausforderungen und beim Aufbau widerstandsfähiger Strukturen. Konkret unterstützen wir bei strategischer Neuausrichtung, Digitalisierung, Effizienzsteigerung und auch beim Aufbau von Resilienz. Unsere Mitglieder bringen ihr Fachwissen in Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie ein, damit Betriebe ihre Prozesse optimieren, fundierte Investitionsentscheidungen treffen und langfristig wettbewerbsfähig bleiben. 

Wie unterstützt der KSV1870 in puncto Risikomanagement?  

Fasching: Als Informationsdienstleister stellen wir Unternehmen jene Informationen bereit, die sie für eine fundierte und objektive Einschätzung bestehender und zukünftiger Geschäftspartner sowie für die Entscheidung über den Eintritt in eine Geschäftsbeziehung benötigen. Darüber hinaus stehen wir als KSV1870 auch dann zur Verfügung, wenn es zu Zahlungsausfällen kommt und Forderungen von Geschäftspartnern nicht beglichen werden.  

Aus dem Magazin forum.ksv - Ausgabe 01/2026.  

Fotocredit: 

Bild 1: WK Burgenland 
Bild 2: Foto: WILKE