„Die Industriestrategie kommt einfach nicht an.“

Im zweiten Teil des Sommerinterviews analysiert der KSV-CEO Ricardo-José Vybiral die Investitionsbereitschaft der Unternehmen, warum über 100.000 Betriebe über einen Standortwechsel nachdenken und was bei der Industriestrategie falsch läuft. 

Pressefoto von Ricardo-José Vybiral
Ricardo-José Vybiral, CEO der KSV1870 Holding AG

forum.ksv online: Im ersten Teil des Interviews haben wir die wirtschaftliche Lage innerhalb der österreichischen Wirtschaft beleuchtet. Die hohen Kosten standen dabei im Fokus. Wirken sich diese auf die Investitionsbereitschaft der Betriebe aus? 

Definitiv, und ich würde noch einen Schritt weiter gehen. Unsere Umfrage hat nicht nur gezeigt, dass lediglich jedes fünfte Unternehmen Investitionen für heuer fix geplant hat, sondern auch, dass 85 Prozent weiterhin im Sparmodus verharren. Das sind im Vergleich zum Vorjahr nochmals fünf Prozentpunkte mehr. Diese Strategie ist angesichts der aktuellen Lage nachvollziehbar und rettet unter Umständen auch das Geschäft, aber es ist definitiv keine Strategie für die Zukunft. Trotz jeglicher Finanzknappheit müssen die Unternehmen schauen, zumindest ein Mindestmaß an Ideen, Geld und Zeit für eine erfolgreiche Zukunft aufzubringen. Das Rad dreht sich mittlerweile so schnell, dass man es sich kaum leisten kann, in der Gegenwart zu verharren. Werden zentrale Schritte jetzt nicht gesetzt, wird der Wettbewerbsdruck in Zukunft noch höher sein und die Chancen auf Erfolg sinken. 

17 Prozent der Unternehmen – das sind rund 110.000 Betriebe – denken laut KSV1870 Umfrage darüber nach, zumindest einzelne Geschäftsbereiche innerhalb der nächsten drei Jahre ins Ausland zu verlagern. Wie realistisch ist dieses Szenario? 

Ich halte dieses Szenario für nicht ausgeschlossen. Schauen wir uns die Industrie an. Dieser Sektor ist für Österreich essenziell und für 20 bis 25 Prozent der österreichischen Wertschöpfung verantwortlich. Es ist ein personalintensiver Bereich, der seit einigen Jahren aufgrund seiner energieintensiven Tätigkeiten ganz besonders unter den hohen Kosten leidet. In Gesprächen mit den Unternehmerinnen und Unternehmern höre ich viele Stimmen, die sagen, dass sie gerne in Österreich bleiben möchten. Dazu müssen sich aber die Rahmenbedingungen rasch ändern, andernfalls sehen sie sich nach kostengünstigeren Alternativen um. Erkennen diese Betriebe am Standort Österreich keine Zukunftschancen, dann sind Abwanderungen oder zumindest teilweise Verlagerungen ins Ausland leider wahrscheinlich. 

Laut Austrian Business Check sind nur sechs Prozent der befragten Industrieunternehmen mit der seitens der Bundesregierung vorgelegten Industriestrategie zufrieden. Viel weniger geht nicht mehr. Woran liegt das? 

Das große Problem ist nicht die Strategie an sich, sondern der Plan dahinter, wie diese tatsächlich in der Praxis umgesetzt werden kann. Für Österreichs Industriebetriebe ist der vorgelegte Plan zu unkonkret, wie es gelingen soll, die Industrie wieder auf die Überholspur zu bringen. Es fehlt schlichtweg die Operationalisierung. Die Strategie gibt keine konkreten Antworten auf Fragen, die den Unternehmen unter den Fingernägeln brennen. Was ändert sich kurz-, mittel- und langfristig in den nächsten Jahren. Gibt es eine Garantie auf bestimmte Punkte? Werden die Verfahren für meine neue Produktionsanlage tatsächlich verkürzt? Die Industriellen spüren hier noch nichts, das kommt einfach nicht an.