Mehr als die Hälfte der österreichischen Wirtschaftsleistung hängt am Export. 16,2 Milliarden Euro gingen 2024 in die USA – in einen Markt, der lange als verlässlich und berechenbar galt. Doch diese Verlässlichkeit ist brüchig geworden.
Text: Peter Sempelmann
Anfang 2025 bekamen die über Jahrzehnte aufgebauten guten transatlantischen Beziehungen einen massiven Dämpfer. Am 20. Jänner wurde Donald Trump zum zweiten Mal als Präsident der USA vereidigt, und er ließ keinen Tag vergehen, um seine protektionistische „America first“-Politik umzusetzen. Bereits zu Beginn seiner Amtszeit machte Trump klar, dass Zölle für ihn kein taktisches Mittel, sondern Kern seiner Wirtschaftspolitik sind. „I’m a tariff person“, erklärte er und begann, massiv auch in bestehende Handelsabkommen einzugreifen.
Wenn das Weiße Haus seine Handelspolitik derart ändert, dann ist das aufgrund der engen und vielschichtigen Verflechtungen keine außenpolitische Randnotiz. Und für Unternehmen eine neue betriebswirtschaftliche Realität. Mit dem zusätzlichen Problem, dass Trump in seiner Zollpolitik ebenso sprunghaft wie unberechenbar blieb.
Im März 2025 traten pauschale 25-%-Zölle auf Stahl und Aluminium in Kraft, kurz darauf folgten 25 % auf importierte Autos. Anfang April wurde eine Mindestzollgrenze von 10 % für nahezu alle Länder eingeführt, für die EU sogar 20 %. Wenige Tage später wurden die höheren Sätze für 90 Tage ausgesetzt – nur um im Mai mit der Drohung von 50 % auf EU-Waren erneut zu eskalieren. Am Ende stand im Juli ein „Deal“ mit 15 % Zoll auf die meisten EU-Exporte, während Stahl und Aluminium weiter mit 50 % belegt blieben.
Umdenken zum Quadrat.
Für österreichische Unternehmen bedeutete das innerhalb weniger Monate mehrfach neue Kalkulationsgrundlagen. Besonders die Autozulieferindustrie geriet zwischen überlappende Auto-, Stahl- und Aluminiumzölle. Als Folge wurden Investitionsentscheidungen verschoben, Lieferketten umgebaut, Lagerbestände vorsorglich erhöht. Die unmittelbaren, aus den Zahlen herauslesbaren Effekte sind deutlich: Zwischen Jänner und Oktober 2025 sanken die österreichischen Exporte in die USA um 20,8 %. Das entspricht einem Minus von rund 2,8 Milliarden Euro innerhalb weniger Monate. Besonders betroffen sind Sektoren, die das Rückgrat der österreichischen Exportwirtschaft bilden: Maschinenbau, Fahrzeugindustrie, Metallverarbeitung, Elektrotechnik. Genau dort, wo Wertschöpfung und Beschäftigung besonders hoch sind, schlagen Zölle direkt durch.
Simulationen des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) zeigen, dass die US-Zollpolitik das österreichische BIP kurzfristig um rund 0,23 Prozentpunkte drücken könnte, mittel- bis langfristig sogar um 0,33 Prozentpunkte. Für eine Volkswirtschaft, die sich nach drei Rezessionsjahren nur langsam stabilisiert, ist das kein statistischer Nebeneffekt.
Vertrauen schwindet.
Doch der eigentliche Schaden liegt tiefer: im Vertrauensverlust. Handel funktioniert über Planungssicherheit. Und genau diese wurde 2025 zur Mangelware. In Trumps zweiter Amtszeit machten Pauschalzölle, sektorale Strafabgaben und kurzfristige Kehrtwenden aus einem der verlässlichsten Märkte einen volatilen Absatzmarkt. Wenn Zollregime kurzfristig angekündigt, pausiert oder neu definiert werden, steigen Risikoprämien, Investitionen werden verschoben, Lieferketten neu kalkuliert. Die USA sind nicht kleiner geworden – aber unberechenbarer. Für die EU und die österreichische Volkswirtschaft wurde die strategische Frage immer drängender, wie viel Abhängigkeit von den USA man sich leisten kann.
Interessanterweise brach der US-Handel trotz dieser Eingriffe nicht ein. Die Zolleinnahmen verdreifachten sich 2025 auf 287 Milliarden Dollar, das Handelsdefizit mit China und der EU halbierte sich zeitweise – doch die US-Importe wuchsen im Jahresvergleich dennoch um 5,2 %. Containerdaten zeigen: Es wurden etwas weniger Güter bewegt, aber zu deutlich höheren Preisen. Die wirtschaftliche Logik wurde politisch überformt, nicht außer Kraft gesetzt.
USA bleiben Partner mit einem „Aber“.
Zweifellos wird der nordamerikanische Markt weiterhin bedeutend bleiben – schon allein aufgrund seiner Größe. Der Wirtschaftsraum USA, Kanada und Mexiko steht für eine Wirtschaftsleistung von 33,4 Billionen US-Dollar. Österreichs Exporte dorthin haben sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Und selbst nach dem Einbruch 2025 wird das zusätzlich nutzbare Exportpotenzial in Nordamerika auf 11,9 Milliarden Euro geschätzt. Das erklärt auch ein wenig die zurückhaltende Reaktion der europäischen Spitzenpolitik auf Donald Trumps Angriffe. Aber die Erfahrung der vergangenen Monate hat Schwachstellen offengelegt: Die EU und Österreich sind in wichtigen Branchen stark auf wenige Märkte konzentriert. Die über Jahrzehnte gewachsene Handelsordnung ist ins Rutschen geraten. Österreichische Unternehmen werden weiter in den USA Geschäfte machen – aber nicht mehr mit der alten Selbstverständlichkeit.
Genau deshalb gewinnen neue Handelsabkommen strategische Bedeutung. Anfang 2026 wurden nach jahrzehntelangen Verhandlungen die Weichen gestellt. Im Jänner wurde das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien besiegelt. Es sieht vor, Zölle auf über 96 % der EU-Exporte nach Indien abzubauen. Für Österreich ist das keine symbolische Perspektive. Indiens Wirtschaft wächst mit rund 6,5 % jährlich und investiert etwa 110 Milliarden Euro pro Jahr in Infrastruktur – in die Bereiche Energie, Telekommunikation und Transport.
Indien mit Wachstumspotenzial.
Österreichs Indien-Exporte sind bereits in den zehn Jahren vor Abschluss des Freihandelsabkommens um rund 120 % gestiegen. 2024 exportierte die heimische Wirtschaft Waren im Wert von 1,31 Milliarden Euro nach Indien, davon 41 % Maschinen und Fahrzeuge. Entscheidend ist aber weniger die aktuelle Größe als die Dynamik. Indien ist schon jetzt der neuntgrößte Handelspartner der EU. Rund 6.000 europäische Unternehmen sind dort aktiv. Wenn Zollbarrieren und regulatorische Hürden fallen, sinken Eintrittskosten und Risiken – gerade für mittelständische Betriebe. Das kurzfristig zusätzlich nutzbare Exportpotenzial österreichischer Unternehmen wird auf rund 1,1 Milliarden Euro geschätzt. Indien ist kein Ersatz für die USA. Aber es ist ein Wachstumsmarkt mit langfristiger Perspektive.
Mercosur sorgt für mehr Flexibilität.
Die neuen Abkommen stärken auch Europas Position gegenüber den USA.
Noch größer ist die Dimension des Abkommens zwischen der EU und dem Staatenbund Mercosur mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay, das nach über 25 Jahre andauernden Verhandlungen ebenfalls im Jänner 2026 beschlossen wurde. Zusammen mit der EU lässt dieses Abkommen eine der weltweit größten Freihandelszonen mit mehr als 700 Millionen Konsumenten entstehen. Der Hebel liegt vor allem im Abbau hoher Zölle. In Teilen Südamerikas betragen Importabgaben auf europäische Industrieprodukte bis zu 35 %. Für Maschinenbauer oder Automotive-Zulieferer aus der Steiermark oder Oberösterreich ist das der Unterschied zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Marktbarriere.
Auch in Südamerika wird massiv in Energie, Infrastruktur und industrielle Modernisierung investiert. Österreichische Umwelttechnologie, Wasserkraft-Know-how, Automatisierungstechnik oder Spezialmaschinen treffen dort auf realen Bedarf. Ökonomisch betrachtet eröffnet Mercosur genau jene Diversifizierung, die angesichts transatlantischer Unsicherheiten strategisch sinnvoll ist.
Die neuen Abkommen stärken auch Europas Position gegenüber den USA. Denn je breiter das Netzwerk an Partnern, desto geringer die Abhängigkeit von einzelnen Märkten. Simulationen des WIFO zeigen, dass eine Kombination aus Vertiefung bestehender EU-Abkommen und neuen Partnerschaften die negativen Effekte der US-Zollpolitik nicht nur abfedern, sondern teilweise überkompensieren könnte. Für Österreich würde eine stärkere Einbindung in alternative Märkte das BIP um rund 0,25 Prozentpunkte erhöhen und die Exporte deutlich steigern.
Abhängigkeit als Grundproblem.
Diversifizierung ist damit keine Parole, sondern Risikostreuung. Trumps Zollpolitik hat sichtbar gemacht, dass Abhängigkeit das eigentliche Risiko ist. Österreichs Stärke liegt in technologischer Spezialisierung – im Maschinenbau, in Umwelttechnik und Automatisierung. Wer diese Kompetenz auf mehrere Märkte verteilt, erhöht seine Resilienz. Die USA bleiben wichtig. Aber sie sind nicht alternativlos. Trumps Zollpolitik ist ein Stresstest der Globalisierung – und für die kleine, offene Volkswirtschaft Österreichs vielleicht der nötige Weckruf.
Aus dem Magazin forum.ksv - Ausgabe 01/2026.