Insolvenzen: Mit uns wird auf Augenhöhe kommuniziert.

Wie es ist, wenn eine Verhandlung die nächste jagt, der Gegenwind im Saal rauer wird und private Gläubiger ihre Ersparnisse verlieren, berichtet Jürgen Gebauer, Leiter Insolvenz Wien beim KSV1870.

forum.ksv Online: Wie ist es, tagtäglich Unternehmensinsolvenzen in Wien zu verhandeln? 

Pressefoto von Jürgen Gebauer
Jürgen Gebauer, Leiter Insolvenz Wien

Ich bin beinahe 20 Jahre im Insolvenzbereich im Einsatz und für mich persönlich ist nach wie vor die Tätigkeit bei Gericht die spannendste Aufgabe. In der Praxis ist es oft so, dass eine Verhandlung die nächste jagt. Manche dauern 15 Minuten andere zwei Stunden. Gut vorbereitet sollte man schon sein. In jedem Fall sind der Austausch und die Diskussion mit allen Beteiligten abwechslungsreich, spannend und herausfordernd zugleich. Denn wenn wir über einen Sanierungsplan abstimmen, dann nehmen wir Einfluss auf die Zukunft des Unternehmens und damit tragen wir auch eine Verantwortung. Darüber hinaus ist es ein gutes Gefühl, wenn wir die Quote für die Gläubiger durch erfolgreiches Verhandeln in die Höhe schrauben können. Es ist aber nicht nur die Gerichtstätigkeit, die meinen Job prägt. Die Teilnahme an Gläubigerausschusssitzungen und die laufende Kommunikation mit Auftraggebern, dem Insolvenzverwalter, dem Schuldner und den Medien garantieren Abwechslung. Nicht unter den Tisch fallen lassen möchte ich auch die tolle Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen in meinem Team. Viele von ihnen berichten, dass der Mix aus Gerichtseinsätzen und Bürotagen ein besonderes Asset ist und dem kann auch ich nur zustimmen. In Summe tragen all diese Punkte dazu bei, dass ich meinen Job noch immer leidenschaftlich gerne mache. 

Ist jede Insolvenz ein Einzelfall oder geht es letztlich immer um dasselbe?

Grundsätzlich schreibt jedes Unternehmen seine eigene Geschichte und so gesehen ist jede Insolvenz speziell. Allen insolventen Unternehmen ist grundsätzlich gemein, dass sie bei Insolvenzeröffnung ihre fälligen Verbindlichkeiten aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr zur Gänze bezahlen können – die Ursachen liegen häufig im operativen Bereich. Damit meine ich Finanzierungsschwächen, Liquiditätsengpässe, mangelnde Forderungsbetreibung, Absatzschwächen, eine schlechte Kostenstruktur oder auch ein mangelhaftes Controlling bzw. Planungsschwächen. 

Daneben sind im Rahmen der Abwicklung von Insolvenzverfahren gewisse branchenspezifische Muster zu beobachten. So kommt es bei Insolvenzen in der Baubranche leider immer wieder vor, dass der Geschäftsführer nicht mehr greifbar ist, keine Vermögenswerte mehr vorhanden sind und im „worst case“ auch sozialbetrügerische Sachverhalte zum Vorschein kommen. Das ist weder für die betroffenen Gläubiger noch für die gesunden Unternehmen in der Branche erfreulich.

Welche Fehler in der Unternehmensführung siehst du immer wieder und denkst dir, das hätte vermieden werden können?

Pressefoto von Jürgen Gebauer

Wie überall im Leben, ist man ab und an geneigt, die Fehler nicht bei einem selbst zu suchen. Dieses Phänomen zeigt sich regelmäßig in der Insolvenzwelt. Besonders augenscheinlich war das bei vielen Insolvenzen nach der Corona-Pandemie. Nicht selten wurde „Corona“ als Ursache vorgeschoben. Bei näherer Prüfung wurden jedoch die Gründe im eigenen Bereich gefunden: Managementfehler, fehlendes kaufmännisches Know-how oder eine unzureichende Buchhaltung sind regelmäßig die Hauptursachen. Darüber hinaus zieht sich besonders eine Beobachtung durch meine gesamte Tätigkeit: Insolvenzanträge werden von den betroffenen Unternehmen zu spät gestellt. Das lange Zuwarten hat zur Folge, dass Sanierungen unmöglich werden und auch bei einer konkursmäßigen Abwicklung kaum mehr Vermögen vorhanden ist. Der Forderungsausfall für die betroffenen Gläubiger ist dann umso größer. Heute kann bei rund 50 Prozent aller insolventen Unternehmen gar kein Insolvenzverfahren mehr eröffnet werden. Das bedeutet, dass nicht einmal die Anlaufkosten eines Verfahrens - ca. 4.000 Euro an Verfahrenskosten - gedeckt werden können. Auch wenn das österreichische Insolvenzrecht sehr viele Instrumente für Sanierungen vorsieht, ist es dann zu spät. 

Du verhandelst seit 20 Jahren Fälle aus unterschiedlichsten Branchen. Welche sind die schwierigsten? 

Eine Differenzierung nach Branchen ist sehr schwierig. Anspruchsvolle und sensible Themen können überall auftreten. Sehr komplex abzuwickeln sind Immobilieninsolvenzen, die seit Beginn der Immobilienkrise vor rund zwei Jahren auf meinem Schreibtisch gelandet sind. Hier sind mein Team und ich allein aufgrund der Größe einzelner Verfahren mit äußerst herausfordernden Problemstellungen konfrontiert, die gleichzeitig auch rasche Entscheidungen notwendig machen. In regelmäßigen Abständen sind auch Gläubigerausschusssitzungen zu besuchen, die einer intensiven Vorbereitung bedürfen und auch sehr anspruchsvoll sind. Alleine bei den drei größten „SIGNA-Causen“ hatte unser Team in den vergangenen zwei Jahren ungefähr 100 Gläubigerausschusssitzungen zu besuchen. Aber nicht nur die medienträchtigen Großinsolvenzen stellen in der Abwicklung oft eine komplexe Herausforderung dar. Immer wieder sind auch kleinere unscheinbare Causen, die aufgrund spannender, insbesondere rechtlicher Fragestellungen interessant sind, sehr betreuungsintensiv.

Gab es Momente bei Gericht, bei denen du besonders beeindruckt oder überrascht warst?

Es fällt mir schwer, einzelne Momente herauszugreifen. Aber weil es sehr aktuell ist, habe ich noch den sehr starken Gegenwind im Kopf, der meinen Kollegen und mir bei den „SIGNA-Insolvenzen“ - insbesondere von Insolvenzverwalter und Schuldnerseite - entgegengeblasen hat. Wir hatten uns entschieden, gegen eine Sanierung der wesentlichen Immobiliengesellschaften der SIGNA-Gruppe zu stimmen. Gleichzeitig erhielten wir aber für unsere, zu diesem Zeitpunkt mutige Entscheidung innerhalb der Insolvenzszene auch kräftigen Rückenwind. Und letztlich hat uns die jüngere Entwicklung in diesen Verfahren auch Recht gegeben. Insgesamt beindruckt mich jedoch, dass der Austausch zwischen den wesentlichen Stakeholdern quer durch alle Insolvenzverfahren toll funktioniert. Mit uns wird auf Augenhöhe kommuniziert. Nicht umsonst beneidet uns ganz Europa für unser Insolvenzsystem, in der die Gläubigerschutzverbände eine zentrale Rolle einnehmen.

Was hat dich persönlich besonders berührt?

Bei den vielen Gesprächen mit unterschiedlichen Gläubigern erlebt man besondere Momente. In Erinnerung geblieben sind mir insbesondere einige emotionale Telefonate mit privaten Gläubigern. Ich denke an ältere Betroffene, die in dem mittlerweile fast 13 Jahre anhängigen Insolvenzverfahren der Alpine Holding ihr in Anleihen investiertes Vermögen vermutlich fast zur Gänze verlieren werden. Anlagen, die für Kinder und Enkelkinder gedacht waren. Aber auch Gespräche im Zuge der Insolvenz von kika/Leiner waren emotional herausfordernd. Hier hat das Schicksal bei vielen privaten Gläubigern doppelt zugeschlagen. Nach der Hochwasserkatastrophe im September 2024 in Niederösterreich, bei der viele Betroffene ihre Wohnungseinrichtung verloren hatten, gerieten viele Betroffene durch die Insolvenz von kika/Leiner in kurzer Zeit erneut in finanzielle Turbulenzen. Viele Opfer der Hochwasserkatastrophe haben bei kika/Leiner Anzahlungen für neue Möbel geleistet. Nur ein paar Monate später war das Unternehmen pleite, die Möbel konnten nicht mehr produziert und geliefert werden. Die geleisteten Anzahlungen wurden mit einem Schlag zu Insolvenzforderungen, die nur mehr quotenmäßig bedient werden können. Bei solch schwierigen Gesprächen spürt man das Vertrauen und die Dankbarkeit der Gläubiger, die in einer finanziellen Notlage kompetent unterstützt werden. 

Fotocredit: Anna Rauchenberger