Wirtschaftskrimis made in Austria

Auf der Jagd nach den verschwundenen Milliarden: die spektakulärsten Wirtschaftskriminalfälle der Zweiten Republik.

Text: André Exner

Wirtschaftskrimis made in Austria

Freundschaftsdeals.

Wenn sich mehrere Unternehmen zusammenschließen, um durch illegale Preisabsprachen den Markt aufzuteilen und damit die Kunden zu schädigen, spricht man von einem Kartell. In Österreich keine Seltenheit, wie ein Blick in die Annalen bestätigt: So gab es im Jahr 2017 Hausdurchsuchungen bei mehreren Baufirmen, und eine 2015 begonnene Untersuchung der Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) mündete in hohe Geldstrafen gegen mehrere Trockenbauunternehmen. Auch in das von den 1980er-Jahren bis 2011 bestehende deutsche Kartell „Schienenfreunde“ war mit der Voestalpine ein österreichischer Konzern involviert.

Bankräuber.

Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?, fragte einst der Dramatiker Bertolt Brecht. Tatsächlich gab es nicht nur in der Zwischenkriegszeit, sondern auch in der Zweiten Republik über viele Jahrzehnte hinweg aufsehenerregende Bankenpleiten am laufenden Band. Während es in den 1970er-Jahren die Allgemeine Wirtschaftsbank und die ATS-Bank erwischte, folgte in den 1980er-Jahren die Continentale Bank mit einem spektakulären Fall von Wirtschaftskriminalität. In den späten 1990er-Jahren geriet die Riegerbank in die Schlagzeilen, und 2001 rückte die Trigon Bank in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Jahrelange Gerichts- und Insolvenzverfahren waren zumeist die Folge. Die teils mehr als dürftigen Quoten sorgten schlussendlich dafür, dass ein Großteil des Geldes für immer verloren war. 

Börsentricks.

AvW, Immoeast, Libro, Meinl European Land: Bei diesen börsennotierten Unternehmen verloren private Investoren aufgrund krimineller Machenschaften ihr Erspartes. In vielen Fällen betrug die Schadenssumme mehr als 100 Millionen Euro. Im Fall Libro ist die Chronik der Geldvernichtung besonders beeindruckend: Das Unternehmen war im Jahr 1999 an der Börse noch mehr als 700 Millionen Euro wert. Gerade einmal drei Jahre später war davon nichts mehr übrig. Denn bis zur Insolvenz im Jahr 2002 wurden daraus rund 350 Millionen Euro Schulden. Und erst eine Dekade später wurden rechtskräftige Urteile im Libro-Prozess gesprochen: Die Angeklagten erhielten teils mehrjährige Haftstrafen.

Anleihendesaster.

Aber nicht nur mit Aktien können Privatanleger viel Geld verlieren, sondern auch mit Anleihen. Die 2017 bekannt gewordenen Fälle in Millionenhöhe von WIENWERT und KitzVenture befinden sich noch heute in der Aufarbeitung. Es gilt die Unschuldsvermutung. Zu große Hoffnungen sollten Investoren, die den Verlockungen hoher Zinsversprechen erlegen sind, jedoch nicht hegen: Auch nach der 2013 erfolgten Pleite von Österreichs zweitgrößtem Baukonzern Alpine schauten Anleihengläubiger durch die Finger – und die Prozesse sind bis heute noch nicht final abgeschlossen. 

„Staatskünstler“.

Manchmal sind illegale Geldflüsse zwischen Wirtschaft und Politik „part of the game“, um einen Kärntner Landespolitiker zu zitieren. Und tatsächlich ist in den österreichischen Wirtschaftskrimis auch die Politik öfters involviert. Von der Lucona-Katastrophe im Jahr 1977 über den 1980 aufgedeckten AKH-Skandal bis hin zu den spektakulären Fällen um die BAWAG, den Zusammenbruch der Hypo Alpe Adria im Jahr 2009 sowie die 2013 verzockten Wohnbaugelder in Salzburg oder die Buwog-Privatisierung zu Beginn des Jahrtausends – obwohl zum Teil bereits mehrere Jahrzehnte vergangen sind, sind diese Fälle nach wie vor omnipräsent. 

Internetbetrüger.

Unzählige Studien und Experten sind sich einig: Cyberkriminalität ist einer der absoluten Wachstumsbereiche und wird dank neuer Technologien wie Kryptowährungen und Darknet auch weiterhin zunehmen. Vor allem mit dem bekannten „Fake President“-Trick werden Unternehmen immer wieder hohe Geldsummen entlockt. Oft vertuschen Betroffene die Fälle aus Angst vor negativer Publicity. Nicht so bei der FACC: Der börsennotierte Zulieferer der Flugzeugindustrie verlor bei einem solchen Angriff im Jahr 2016 rund 50 Millionen Euro. Ein Verdächtiger wurde in China gefasst, das Geld ist trotzdem weg – wohl für immer.