Eine Reise durch die Welt der Künstlichen Intelligenz: Wo stehen wir, und was kommt als Nächstes? KI-Agenten sind noch jung, aber ihr Potenzial für Unternehmen könnte gewaltig sein.
Text: Julia Gerber
Künstliche Intelligenz entwickelt sich so rasant, dass selbst Dario Amodei, CEO des in San Francisco ansässigen Start-ups Anthropic, zugibt: „Es ist schwer zu sagen, was in sechs Monaten passieren wird.“ Fest steht, KI greift tief in die technologische Infrastruktur ein. Zum Portfolio gehören Rechenzentren, spezialisierte Chips, KI-Software, Agenten und Robotik. Sie verändert nicht nur Produktivitätstools, sondern auch die Art, wie Menschen zusammenarbeiten, und bildet damit das Gerüst der Wirtschaft von morgen. In vielen Teilen der Welt werden gerade KI-Daten- und -Rechenzentren gebaut. Die teuersten und leistungsstärksten Zentren entstehen vor allem in den USA, China und zunehmend auch im Nahen Osten. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur dürfte sich ihr Energiebedarf bis 2030 mehr als verdoppeln und dann etwa 3 % des globalen Stromaufkommens ausmachen. Nicht alle setzen dabei auf erneuerbare Energien – viele werden noch aus fossilen Quellen betrieben und verursachen erhebliche CO2-Emissionen.
Der Vormarsch der Agenten.
Auf der Anwenderseite ziehen künftig vor allem KI-Agenten die Aufmerksamkeit auf sich. Die Programme lösen Aufgaben autonom, verfolgen Ziele und interagieren mit anderen Systemen. Ihre Stärke liegt darin, Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammenzuführen und Workflows zu automatisieren. Anbieter wie Microsoft, AWS, IBM, Oracle, Salesforce und OpenAI bieten solche Technologien an und positionieren sich als Plattformbetreiber einer neuen „agentischen“ Unternehmensarchitektur. OpenAI hat mit AgentKit ein Toolset veröffentlicht, mit dem Entwickler ihre eigenen Agenten bauen können. Und das europäische KI-Start-up Hugging Face bietet einen kostenlosen „AI Agents Course“, der auch Einsteigern zeigt, wie man so einen Agenten aufsetzt.
Erste Unternehmen trauen sich.
Wie Manuela Mohr-Zydek, Salesforce-Österreich-Chefin, im Rahmen der Technologiemesse Dreamforce in San Francisco (USA) berichtet, hat sich in den vergangenen zwölf Monaten im Agentic-Bereich enorm viel getan. „Wir sprechen bereits über konkrete Einsatzmöglichkeiten von Agenten, etwa im Sales, Marketing, IT-Support oder Kundenservice, vor allem für Routineaufgaben.“ Als KI-Pionier hebt sie das Tiroler Familienunternehmen Egger Holzwerkstoffe hervor, das Salesforce-Agenten bereits nutzt, um Kundenanfragen rund um die Uhr automatisiert zu beantworten.
Für Amodei ist noch unklar, welche Rolle dem Menschen und welche den KI-Agenten in Zukunft zukommen wird. Seine Vision für sein Start-up ist jedoch: Unternehmen zu transformieren, indem die KI zu ihrem Herzstück wird – dazu braucht es vertrauenswürdige Produkte ohne Überraschungen. Allgemein gilt in der Branche der Konsens, dass KI immer mehr Aufgaben übernimmt, während der Mensch für Kontrolle und Qualitätssicherung verantwortlich bleibt. Ziel sei es, Mitarbeitende zu entlasten und ihnen mehr Zeit für kreative, höherwertige Aufgaben zu geben.
Aus einem werden viele: „Agenten-Mesh“.
Aktuelle KI-Trends bei Amazon Web Services (AWS) lassen sich in mehreren Stufen beobachten. Ganz vorne stehen fertige Agenten, sogenannte „Out of the Box“-Lösungen, die sofort einsatzbereit sind. Für Entwickler gibt es die nächste Stufe: Baukästen, um eigene Agenten individuell zu programmieren. Als Nächstes folgen Modelle als Motor der Agenten, darunter eigene Large Language Models wie „Nova“ sowie Modelle anderer Anbieter wie Google Gemini. Und schließlich will AWS mit spezieller Hardware wie seinen Trainium2-Chips die Recheninfrastruktur leistungsfähiger und kosteneffizienter gestalten. Als großen Zukunftstrend sieht die Amazon-Tochter einen „Agenten-Mesh“, bei dem verschiedene Agentenplattformen miteinander kommunizieren. Wann es so weit sein wird, traut sich allerdings – auch aufgrund der individuellen Implementierungsarbeit – noch kaum jemand zu prognostizieren.
Skepsis besteht.
Eine KI-Strategie wird von oben gelebt. Das hat viel mit Change Management zu tun.
Doch so „einfach“ scheint die Umstellung nicht zu sein, wie eine aktuelle Capgemini-Studie offenbart. Das Vertrauen in vollständig autonome KI-Agenten sank 2025 von 43 auf 27 %. Als Gründe nannten die 1.500 Führungskräfte aus 14 Ländern, darunter acht europäische, ethische Bedenken, mangelnde Transparenz und ein begrenztes Verständnis solcher Agenten. Dennoch könnten KI-Agenten der Studie zufolge bis 2028 einen wirtschaftlichen Wert von bis zu 450 Milliarden US-Dollar erzielen. Auch in Österreich muss noch Vertrauen aufgebaut werden, wie eine Salesforce-Studie zeigt: Nur ein Viertel der 1.000 befragten Österreicher zwischen 14 und 75 Jahren kann sich vorstellen, mit virtuellen Kollegen zusammenzuarbeiten. Mohr-Zydek möchte dieses Vertrauen auf zwei Ebenen stärken: über die offene Lernplattform Trailhead, die KI-Wissen zugänglich macht, und auf strategischer Ebene, indem sie Unternehmen bei der Entwicklung klarer KI- und Datenstrategien unterstützt. Damit Daten nutzbar werden, müssen sie zuerst vereinheitlicht und zugänglich gemacht werden. „Eine KI-Strategie wird von oben gelebt. Das hat viel mit Change Management zu tun“, so Mohr-Zydek.
Use-Case-Definition führt zur KI-Strategie.
Unabhängig vom Anbieter sollten Unternehmen ihre eigene KI-Strategie entwickeln. Dafür brauche es klare Use Cases, also Prozesse, die sich automatisieren lassen. Der erste Schritt: Aufgaben identifizieren, die viel, aber nicht zwingend menschlichen Arbeitsaufwand verursachen. Wichtig sei auch, das gesamte Team miteinzubeziehen. Für Mohr-Zydek ist die Einführung von KI kein reines IT-Projekt und alles andere als trivial. Die Transition kann auch „messy“ werden. „Die Optimierung von KI-Agenten ist ein fortlaufender Prozess, weil es eine permanente Lernkurve gibt. Man beobachtet, wie erfolgreich Agenten und Menschen die Cases abarbeiten, und kann so laufend Daten anpassen und Leitplanken verändern.“
Wettbewerbsvorteil durch KI?
„Datensicherheit stellt für Salesforce kein Problem dar“, erklärt Alexander Wallner, Salesforce-Deutschland-Chef und CEO Zentraleuropa. „Unsere Architektur ist so gestaltet, dass Kundendaten beim Kunden bleiben. Wir trainieren keine Large-Language-Modelle, und die Daten werden sicher kapsuliert“, sagt Wallner, der ergänzt: „KMU mit hohem Wettbewerbsdruck adaptieren KI schneller.“ Im deutschsprachigen Raum werde Datensicherheit oft als Vorwand benutzt. Tatsächlich fehle aber häufig die Bereitschaft zur Prozessänderung. Laut Mohr-Zydek zahlen KI-Agenten gleich auf mehrere Konten positiv ein. Sie senken Kosten, maximieren den Umsatz, steigern Effizienz und stärken zugleich die Kundenbindung sowie strategische Entscheidungen. Worin sich alle Tech-Giganten einig sind: Die Vermeidung von Innovation führt zu einem Wettbewerbsnachteil.
Aus dem Magazin forum.ksv - Ausgabe 04/2025.