Das Gefühl, von einer Krise in die nächste zu stolpern, ist für viele Menschen zu einer veritablen Belastung geworden. Hinzu kommen neue Dimensionen, die den „Weltschmerz“ befeuern – etwa die rasante Entwicklung von Künstlicher Intelligenz oder hybride Kriegsformen. Neben diesen globalen Herausforderungen gibt es aber auch persönliche Krisen, die zu bewältigen sind.
Text: Christina Mothwurf
Ob Klimawandel, wirtschaftliche Unsicherheiten oder politische Spannungen: Unser psychisches Gleichgewicht wird aktuell ordentlich auf die Probe gestellt – auch im beruflichen Umfeld. Während Unternehmer und Arbeitgeber unter enormem Entscheidungsdruck stehen, fürchten Arbeitnehmer um ihre berufliche Zukunft und kämpfen mit neuen Anforderungen. Gleichzeitig erleben wir uns als Privatpersonen in einem Dauerstress, der unsere mentale Gesundheit angreift. Doch genau hier liegt die Chance: Resilienz ist kein starres Konzept, sondern eine Fähigkeit, die wir entwickeln und stärken können.
Zwischen Verantwortung und Selbstfürsorge.
Für Unternehmer ist eine Krise selten nur eine private Angelegenheit – sie betrifft gleichzeitig die wirtschaftliche Existenz, die Zukunft des Unternehmens und die Verantwortung für Mitarbeitende. Multiples Krisenmanagement kann dabei zum Daily Business werden: Lieferkettenprobleme, volatile Märkte und die Integration neuer Technologien wie KI verlangen nachhaltige Entscheidungen, die mitunter auch unter Druck getroffen werden müssen. Einerseits gilt es, Chancen zu nutzen, etwa durch digitale Transformation, andererseits fürchten viele den Kontrollverlust. Hinzu kommt die Unsicherheit: Was, wenn Investitionen ins Leere laufen oder Mitarbeitende durch permanente Veränderungen demotiviert werden? Unternehmer sind gut beraten, klar zu kommunizieren, wenn es brennt, und sich nicht hinter einer Schweigemauer zu verstecken. Nur dann fühlen sich Mitarbeitende auch ernst genommen – und das senkt das Angstniveau.
Um aus dem eigenen Tunnelblick rauszukommen, können Coachings oder Beratungsangebote helfen – Letztere werden oft auch gefördert. So können viele Themen klarer gesehen und Investitionen auch schlauer getätigt werden. Und nicht zuletzt können sich Unternehmer Unterstützung von Gleichgesinnten holen. Ein professionelles Netzwerk kann Lasten abfedern, und im Optimalfall ist das Lernpotenzial von Unternehmern, die in einer ähnlichen Situation sind, hoch.
Veränderung verstehen.
Für Mitarbeitende sind Krisen vor allem ein Unsicherheitsverstärker. Die Sorge um die Arbeitsplatzsicherheit steht oft ganz oben, gefolgt von der Frage: „Werde ich den neuen Anforderungen noch gerecht?“ KI-gestützte Tools oder veränderte Geschäftsmodelle fordern neue Kompetenzen, während flexible Arbeitszeitmodelle gleichzeitig auch Stressverstärker sein können – vor allem dann, wenn die ständige Erreichbarkeit vorausgesetzt wird. Hybride Arbeitsmodelle bringen zwar Flexibilität, führen aber auch dazu, dass Grenzen verschwimmen. Ohne klaren Feierabend wächst das Gefühl, permanent „on“ sein zu müssen. Das Ergebnis ist in mehrerlei Hinsicht ein Krisenbooster: Erschöpfung, Gereiztheit und das Gefühl, nie genug zu leisten, schleichen sich schnell ein. In Sachen digitaler Transformation sind Unternehmen angehalten, ihre Mitarbeitenden aktiv zu unterstützen. Wer jetzt nicht in das Wissen im Umgang mit KI investiert, hat den Anschluss schon fast verpasst.
Kompetenz fördern.
Auf das Potenzial der Mitarbeitenden abgestimmt, wird der Fokus auf das lebenslange Lernen darüber hinaus auch als sinnstiftend erlebt. Wer das Gefühl hat, seine Fähigkeiten ausbauen zu können, fühlt sich dem Unternehmen eher verbunden – und der individuelle Kompetenzgewinn stärkt auch den Umgang mit Krisen. In Zeiten der Veränderung ist es für Mitarbeitende also besonders wichtig, den Sinn in ihrem Tun zu erkennen. Je eher ich mich mit meinem Aufgabengebiet identifiziere und auch aktiver Teil eines Veränderungsprozesses bin, desto eher bin ich bereit, ihn mitzugestalten. Apropos mitgestalten: Damit sich Mitarbeitende einbringen, braucht es nicht nur inhaltliche Kompetenz, sondern auch eine Beziehung zur Führungsebene und innerhalb der Teams. Und es braucht das berühmte „offene Ohr“. In Zeiten, wo die Belastungen gefühlt oder real immer mehr werden, braucht es starke Lösungen statt stiller Resignation.
Raus aus der Negativspirale.
Auch abseits von Beruf und Unternehmen sind Menschen von Krisen betroffen. Die ständige Präsenz von Negativschlagzeilen, ob Pandemie, Krieg oder Klimakatastrophen, führt oft zu einem Zustand, den Psychologen als „Doomscrolling“ bezeichnen: endloses Scrollen durch Nachrichtenfeeds, das Ängste verstärkt, anstatt sie zu mindern. Sich dem Dauerfeuer der Nachrichtenlage zu entziehen scheint für viele herausfordernd – dabei liegt hier ein wichtiger Schlüssel zur Erhaltung der Stabilität. Informationshygiene ist gerade jetzt angesagt. Das bedeutet, Nachrichten bewusst zu dosieren, anstatt stundenlang in Newsfeeds „abzuhängen“. Schließlich können wir ohnehin nur das kontrollieren, was in unserem Verantwortungsbereich liegt. Und genau hier liegt ein weiterer Baustein für unsere Resilienz. Sobald wir uns auf unseren eigenen Handlungsspielraum konzentrieren und erkennen, dass wir auch kleine Schritte setzen können, nehmen wir Distanz zu Themen ein, auf die wir ohnehin keinen Einfluss haben. Worauf wir hingegen Einfluss haben, sind Rituale und Routinen, die unseren Alltag positiv beeinflussen (Stichwort: soziale Kontakte pflegen) und in Krisenzeiten als Anker fungieren.
Resilienz statt Risiko.
Wer auch in schwierigen Zeiten einen positiven Blickwinkel sucht, […] baut psychische Widerstandskraft auf.
Egal, ob Unternehmerin, Arbeitnehmer oder Privatperson: Die Fähigkeit, Rückschläge zu verkraften, mit Krisen umzugehen und sich an neue Bedingungen anzupassen, entscheidet über unsere psychische Stabilität. Resilienz bedeutet dabei nicht, alles wegzustecken und einen emotionalen Panzer aufzubauen. Es bedeutet vielmehr, innere Ressourcen zu aktivieren, Veränderung als Lernchancen zu begreifen und Unterstützung bewusst anzunehmen. Resilienz entsteht nicht im luftleeren Raum, sie speist sich aus konkreten Faktoren, die wir im Alltag aktiv stärken können. Fachleute sprechen hier von den sieben Säulen der Resilienz: Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung, Selbstwirksamkeit, Netzwerkorientierung, Zukunftsplanung und Improvisationsvermögen. Klingt abstrakt? Übersetzt bedeutet es: Wer auch in schwierigen Zeiten einen positiven Blickwinkel sucht, Veränderungen annimmt, anstatt sie zu verdrängen, kreative Lösungen entwickelt und das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit behält, baut psychische Widerstandskraft auf und ist im positivsten Sinne gewappnet für die Unwägbarkeiten, die das Leben für uns alle bereithält.
Pläne als grobe Orientierung.
Ein weiterer Faktor ist die Fähigkeit, Pläne zu machen –jedoch nicht starr daran festzuhalten, sondern flexibel auf Unvorhergesehenes reagieren zu können. Resilienzfaktoren sind also keine unveränderbaren Eigenschaften, sondern Kompetenzen, die jede und jeder von uns Schritt für Schritt erlernen und immer wieder neu stärken kann. All das müssen wir übrigens nicht allein tun – bei der Selbstreflexion und dem Erkennen der eigenen Potenziale und Belastungsgrenzen kann ein professioneller Blick von außen helfen, individuelle Resilienzfaktoren zu erkennen und zu stärken. So gelingt nicht nur der Weg raus aus der Negativspirale, sondern auch der Umgang mit Veränderung. Denn auf eines können wir uns verlassen: Auch wenn Krisen nicht aus unserem Leben verschwinden – es liegt in unserer Hand, wie wir damit umgehen.
Aus dem Magazin forum.ksv - Ausgabe 04/2025.