Gerhard Wagner, Geschäftsführer der KSV1870 Information GmbH, analysiert den Status quo des heimischen Wirtschaftsstandortes, spricht über Risikomanagement und die Bandbreite eines modernen Gläubigerschutzes.
Die Wirtschaftsforschung ist vorsichtig optimistisch und spricht von einer leichten Erholung. Viele Unternehmen müssen sich aber weiterhin gehörig nach der Decke strecken. Wo stehen wir aktuell?
Der Wirtschaftsstandort Österreich hat in den vergangenen Jahren massiv an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Die Ursachen dafür sind ein Mix aus hohen Kosten, geopolitischen Spannungen, die für große Unsicherheit sorgen und infolgedessen einer deutlichen Zurückhaltung in puncto Investitionen. Das ist ein Cocktail, der die heimischen Betriebe auch im internationalen Wettbewerb oft alt aussehen lässt. Dieser Status quo dreht sich nicht von heute auf morgen um 180 Grad, das braucht Zeit. Gleichzeitig sehen wir, dass die überwiegende Mehrheit der Unternehmen – trotz allem – weiterhin auf grundsoliden Beinen steht. Das stimmt mich optimistisch, dass der Turnaround gelingen kann.
Kommt jetzt das große Aber?
In gewisser Weise ja. Denn die Unternehmen haben zuletzt (fast) alles dem Kostenfaktor untergeordnet, wodurch sie zwar eine gewisse finanzielle Stabilität recht gut halten konnten, doch der Schritt vorwärts war dadurch nicht möglich. Das ist angesichts bekannter Rahmenbedingungen nachvollziehbar, doch es kann einem über kurz oder lang auf den Kopf fallen, keine Investitionen zu tätigen. Vor allem dann, wenn Investments kaum in Richtung Innovation und Zukunftsfähigkeit gehen, sondern vermehrt genutzt werden, um Bestehendes zu erhalten.
Risikomanagement wurde seit Corona zum geflügelten Wort. Was ist heute anders als vor zehn Jahren?
Es wäre schlichtweg falsch, zu behaupten, dass sich die Betriebe früher nicht um ihre Kosten und Geschäftsrisiken gekümmert haben, aber ich glaube schon, dass angesichts der breiten Palette an Krisen, die zuletzt auch parallel gewirkt haben, das Risikobewusstsein noch einmal geschärft wurde. Wenn ein Unternehmen über eine stabile wirtschaftliche Basis verfügt, hat es im Regelfall eine gute Chance, einzelne Krisen zu bewältigen. Wenn mehrere Krisen ineinanderwirken, sieht die Situation schon anders aus. Umso wichtiger ist es dann, jede Krise und jedes Risiko für sich aber gleichzeitig auch die Verbindungen zu verstehen. Nur so kann ich als Unternehmer gesamtheitlich reagieren. Kurz gesagt: Wer Risiken versteht, übersteht Krisen besser.
Dazu braucht es eine fundierte Wissensgrundlage. Wie kann der KSV1870 Unternehmen dabei unterstützen?
Als KSV1870 verstehen wir uns als Wirtschaftsplattform, die den vollständigen Lebenszyklus der Unternehmen begleitet und aktiv unterstützt. Das beginnt bei der Risikoprüfung, etwa in Form von Bonitätsauskünften bis hin zu „modernen“ Gefahren wie Cybercrime. Dabei geht es nicht nur darum, sich über potenzielle Geschäftspartner zu informieren, sondern auch bestehende laufend im Blick zu haben – im Sinne eines kontinuierlichen Monitorings. Ein wesentlicher Aspekt im Informationsbereich ist es, Unternehmen bei der Einhaltung von Regularien zu unterstützen – ich denke an NIS2 oder DORA. Hier bieten wir Lösungen, um den Betrieben das Leben zu erleichtern. Darüber hinaus vertreiben wir bonitätsgeprüfte Marketingdaten für sicheres Wachstum. Bleiben Zahlungen aus, dann machen wir offene Forderungen einbringlich und sorgen für Geldrückflüsse. Sollte ein Geschäftspartner tatsächlich insolvent werden, kümmern wir uns um eine saubere und korrekte Abwicklung von A bis Z und stehen den Gläubigern beratend zur Seite. Dieses Spektrum zeigt, dass Gläubigerschutz in der heutigen Zeit eine große Bandbreite aufweist.
Zeitnahe Informationen sind in Krisenzeiten Gold wert. Warum?
Wenn es darum geht, Risiken zu minimieren und Liquidität zu sichern, geht es vor allem darum, objektiv und aktuell informiert zu sein. So kann ich von Beginn an das Risiko eines möglichen Zahlungsausfalls einschätzen und mich absichern. Deshalb werde ich nicht müde zu betonen, dass eine aktuelle Bonitätsinformation nicht nur zu Beginn einer Zusammenarbeit essenziell ist, sondern auch während der Geschäftsbeziehung. Im Zuge eines kontinuierlichen Bonitätsmonitorings werden unsere Kunden automatisch und tagaktuell über Veränderungen informiert und können frühzeitig Maßnahmen ihrem internen Risikomanagement entsprechend ergreifen.
Welche Krisenindikatoren werden aus Ihrer Sicht besonders häufig übersehen?
Immer wieder sehen wir, dass die Risikoeinschätzung langjähriger Geschäftsbeziehungen mit der Zeit vernachlässigt wird. Hier setzt man vielmehr auf gegenseitiges Vertrauen und den Faktor „man kennt sich seit Jahren“. Zweifelsohne: Vertrauen ist auch in der Wirtschaft essenziell, dennoch sollten Unternehmen nicht blauäugig agieren und die professionelle Überprüfung von Geschäftspartnern vernachlässigen. Gerade in diesen Zeiten kann sich die wirtschaftliche Situation sehr rasch ändern. Bin ich darüber nicht rechtzeitig informiert, kann es für das eigene Unternehmen schnell brenzlig werden.
Die Unternehmen stöhnen unter bürokratischen Handschellen, die nicht nur teuer sind, sondern meist auch wenig effizient. Wo gilt es anzusetzen?
Nicht alles, was es in Österreich an Vorschriften und Regularien gibt, ist der EU zuzuschreiben. In manchen Bereichen sind nationale Auflagen oft strikter als jene der EU. Das hemmt die Unternehmen massiv – auch im internationalen Wettbewerb. Generell müssen die Vorschriften und Auflagen weniger werden, damit Unternehmen an Tempo zulegen können. Das ist wesentlich, um konkurrenzfähig zu sein. Nachdem der Staat kein Geld hat, musste die Bundesregierung einsparen. Das war notwendig, aber es sollte jetzt mehr Fokus auf den Bürokratieabbau gelegt werden. Natürlich ist der Rückbau von Auflagen nicht sexy, sondern eine Sisyphusarbeit, mit der die Massen kaum zu begeistern sind. Aber er ist für die Zukunft und die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes absolut notwendig.